Hitlers Krieg im Westen
Kriege sind häufig initiierte Katastrophen. Das beweist auch der blitzartige und erfolgreiche Westfeldzug Hitlers im Mai 1940. Pläne, Vorgehensweisen wurden früh gefasst.
Die Durchführung war dann nur noch eine Sache der Gelegenheit. Brutal besetzt wurden durch den „Sichelschnitt“ Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich.

Berlin, Großer Konferenzsaal der Neuen Reichskanzlei, 23. November 1939: Mehr als 180 Offiziere und Generäle verfolgen eine geheime Rede ihres obersten Kriegsherrn. „Wir können Russland nur entgegentreten, wenn wir im Westen frei sind“, erklärt Hitler. „Ich werde Frankreich und England angreifen zum günstigsten und schnellsten Zeitpunkt. Verletzung der Neutralität Belgiens und Hollands ist bedeutungslos. Kein Mensch fragt danach, wenn wir gesiegt haben.“ An diesem Sieg allerdings zweifeln etliche der Offiziere, die Hitlers Vortrag lauschen. Frankreich und England angreifen – was das bedeutet, haben viele von ihnen von 1914 bis 1918 in den Schützengräben des Weltkrieges am eigenen Leib erfahren. Sicherlich, der soeben abgeschlossene Feldzug in Polen war ein Triumph. Doch der Gegner im
Westen ist von anderer Natur als die rückständige polnische Armee. Das französische Heer gilt als das stärkste des Kontinents, die britischen Truppen bestehen aus hervorragend ausgebildeten und ausgerüsteten Berufssoldaten.
Bereits im Oktober 1939...
...hat Hitler seine Angriffsabsicht im Westen der Wehrmachtsführung offenbart. Einige Offiziere um den Chef des Generalstabs des Heeres, Franz Halder, erwägen daraufhin sogar, Hitler durch einen Putsch zu stürzen. Doch als der Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, dem „Führer“ die Bedenken der Heeresführung vortragen will, wird er von einem tobenden Hitler zurechtgewiesen. Dieser Wutausbruch reicht aus, um alle Putschpläne im Keim zu ersticken. Das Oberkommando des Heeres (OKH) erstellt schließlich die Aufmarschanweisung „Gelb“. Doch wegen ungünstiger Witterungsverhältnisse wird der Angriff immer wieder verschoben, insgesamt 29 Mal. Der „Sitzkrieg“ im Westen dauert an. Briten und Franzosen vertrauen auf die Maginot-Linie, das gigantische Befestigungswerk an der französischen Ostgrenze. Sie wollen der Wehrmacht eine Abwehrschlacht liefern. Erst danach wollen sie den Krieg nach Deutschland tragen. Bis dahin soll das Reich mit einer Peripherie-Strategie geschwächt werden. Dabei gerät der Norden Europas in den Fokus der Alliierten. Denn die schwedischen Eisenerzlieferungen, die über Norwegen verschifft werden, sind für die deutsche Rüstung überlebenswichtig. Unterdessen plädiert Großadmiral Erich Raeder, Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine, bei Hitler für eine Besetzung Norwegens, um eine bessere Ausgangsbasis für den Seekrieg zu haben.
Seine Argumente überzeugen Hitler. Er befiehlt die Vorbereitung des Unternehmens „Weserübung“ – der Besetzung Dänemarks und Norwegens. Gleichzeitig bereiten auch die Alliierten eine Landung in Norwegen vor. Sie wollen so die deutsche Erzversorgung kappen. Aber die Wehrmacht ist schneller. Nach der raschen Besetzung Dänemarks erreichen die deutschen Landungsverbände Norwegen, ohne auf die britische Home Fleet zu stoßen.
Unterdessen haben die Verzögerungen des Angriffs im Westen...
...eine entscheidende Folge: Der Operationsplan wird ersetzt. Der ursprüngliche Plan des OKH ist wenig originell. Er lehnt sich an die Schlieffen-Moltke-Strategie des Ersten Weltkriegs an. In einer groß angelegten Umfassungsbewegung mit einem starken rechten Flügel soll das deutsche Heer durch Belgien nach Frankreich hinein vorstoßen. Genau dieses Vorgehen erwarten die Alliierten von den Deutschen. Generalleutnant Erich von Manstein, Chef des Generalstabs der Heeresgruppe A in Koblenz, erkennt die Schwächen der OKH-Planung. Er entwickelt einen kühnen und unkonventionellen Gegenentwurf: Sein Plan legt das Hauptgewicht des Angriffs nicht auf den rechten Flügel (Heeresgruppe B), sondern verlagert den Schwerpunkt zur Frontmitte (Heeresgruppe A). Zunächst soll die Heeresgruppe B Holland besetzen und die wertvollsten Verbände der Alliierten nach Norden locken. Gleichzeitig erfolgt der Hauptangriff der Heeresgruppe A mit der Masse der Panzer dort, wo es die Alliierten am wenigsten erwarten: im bewaldeten und hügeligen Gebiet der Ardennen. Hier sind die Befestigungen der Franzosen schwach. Denn diese Region sei für Panzer unpassierbar, glaubt die französische Führung. Ist der Durchbruch durch die Ardennen geglückt, sollen die schnellen Panzerverbände der Heeresgruppe A bei Sedan die Maas überqueren bis zum Kanal vorstoßen und gemeinsam mit der Heeresgruppe B den Gegner in einem gigantischen Kessel einschließen.
Die konservativen Spitze der Wehrmacht hält Mansteins Plan für „verrückt“. Er wird nach Stettin „wegbefördert“. Doch zuvor bekommt er Gelegenheit, Hitler sein Konzept vorzustellen. Und diese Chance nutzt er. Hitler ist sofort von seinem Operationsentwurf eingenommen. Als dann am 10. Januar ein deutsches Flugzeug auf belgischem Gebiet notlanden muss und die ursprünglichen Angriffspläne des OKH in französische Hände geraten, ist die Entscheidung zugunsten des Manstein-Entwurfs endgültig gefallen.

In den frühen Morgenstunden des 10. Mai 1940 greifen die deutschen an Dabei sind die Alliierten den Deutschen zahlenmäßig an Waffen und Soldaten überlegen. Die Westmächte – einschließlich Belgien und die Niederlande – verfügen über 151 Divisionen mit 3,5 Millionen Mann, das deutsche Heer kann 135 Divisionen mit knapp drei Millionen Mann einsetzten. Doch nicht die Menge an Soldaten und Waffen entscheiden den Feldzug, sondern die Art und Weise, wie sie eingesetzt werden.
Zunächst gehen die Deutschen scheinbar so vor, wie die alliierten Stäbe es erwarten: Die Heeresgruppe B fällt in Holland, Belgien und Luxemburg ein. Mit diesem Angriff hat General Gamelin gerechnet. Er sendet 30 Infanteriedivisionen sowie 14 motorisierte und gepanzerte Divisionen nach Belgien und Holland. Der deutsche Angriff soll möglichst weit östlich, an den Flüssen Maas und Dyle, aufgehalten werden. So gehen die Alliierten in die Falle. Die Speerspitze der Heeresgruppe A kämpft sich durch die Ardennen: fünf Panzerdivisionen und ein motorisiertes Infanterieregiment mit 41.140 Fahrzeugen, darunter 1.222 Kampfpanzer. Der entscheidende Vorstoß des Feldzugs beginnt chaotisch. Beim Vormarsch in Richtung Sedan bildet sich der bis dahin größte Verkehrsstau der Geschichte. Für die alliierten Bomber wären die bewegungslosen Fahrzeugkolonnen eine leichte Beute gewesen. Doch die Westmächte lassen diese Chance ungenutzt.
Am 13. Mai erreichen die Panzerspitzen die Maas bei Sedan. Hier stoßen sie auf Widerstand. Nun greift die Luftwaffe mit insgesamt 1.500 Maschinen in die Kampfhandlungen ein. Der französische Widerstand bricht zusammen. Schließlich überwindet die deutsche Infanterie an drei Stellen den Fluss. Pioniere errichten Ponton-Brücken. Am nächsten Tag rücken 60.000 Mann mit 22.000 Fahrzeugen darüber in Richtung Westen vor. Die entscheidende Operation des deutschen Angriffsplans ist gelungen.
Nachdem die deutschen Panzerdivisionen der Heeresgruppe A die Maas überwunden haben, rollen sie mit einer derartigen Geschwindigkeit nach Westen, dass Hitler fürchtet, der Gegner nutzt die Gelegenheit zum Stoß in die offene Flanke. Er lässt Guderians XIX. Panzerkorps sogar anhalten. Seine Sorgen sind allerdings unbegründet. Denn die französische Generalität ist viel zu sehr in überkommene Vorstellungen des Stellungskriegs von 1914 bis 1918 verhaftet. Dagegen haben die Kommandeure der deutschen Panzerverbände erkannt, dass der Schlüssel zum Erfolg „Bewegung“ heißt. Guderian entscheidet eigenmächtig weiter anzugreifen. Damit reißt er die übrigen schnellen Verbände mit. Dieser gepanzerte Stoßkeil strebt unaufhaltsam in Richtung Küste. Der deutsche Blitzkrieg von 1940 basiert vor allem auf der Improvisationskunst der deutschen Panzerkommandeure. Die französischen Verteidiger sind völlig überfordert. „Unser eigenes Marschtempo war zu langsam und unser Geist zu träge, als dass wir uns das schnelle Vorrücken des Gegners überhaupt hätten vorstellen können
“, schreibt der französische Historiker Marc Bloch, der Frankreichs Niederlage 1940 als Soldat am eigenen Leib erfährt.

Anders als die Deutschen...
...setzen die Franzosen ihre Panzer nicht operativ und geschlossen in Großverbänden, sondern in kleinen Einheiten zur Unterstützung der Infanterie ein. Auch das Kommunikationsnetz der Franzosen ist antiquiert. Angesichts des deutschen Tempos können sie nur reagieren statt agieren. Wenn sich die Franzosen zum Kampf stellen, unterliegen sie. Denn die Deutschen setzen dank moderner Funktechnik auf das Gefecht mit verbundenen Waffen: Sie setzen Infanterie, Panzer und Luftwaffe möglichst gemeinsam ein. Das ist nur möglich, weil die deutschen Jagdgeschwader inzwischen die Luftüberlegenheit erkämpft haben. Während die Luftwaffe ohne Rücksicht auf Verluste Angriff für Angriff fliegt, schonen die Briten und Franzosen ihre Staffeln. Ein französischer Offizier: „Die deutsche Luftwaffe stürzte sich auf die Stäbe; sie überwachte die Straßen, bombardierte die Kreuzungen, verhinderte die Ankunft von Verstärkungen und desorganisierte das Befehlsnetz und die Verbindungen.“
Schließlich ist der „Sichelschnitt“ perfekt.
Die deutschen Panzerverbände erreichen in der Nacht zum 21. Mai die Kanalküste. Die alliierte Armee ist in zwei Teile gespalten. Im nördlichen sind 1,7 Millionen Franzosen und Briten in einem Kessel eingeschlossen. Die englischen Truppen ziehen sich in Richtung Dünkir-chen zurück. Brauchitsch und Halder wollen den Gegner im Kessel angreifen. Doch der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe A, Gerd von Rundstedt, warnt Hitler davor, die stark strapazierten und wertvollen Panzertruppen in Flandern zu verbrauchen. Daraufhin befiehlt Hitler den Truppen anzuhalten. So gelingt es den Briten, annähernd 340.000 Soldaten von Dünkirchen aus nach England zu retten – der Kern einer neuen Armee.
Nachdem Belgien und die Niederlande kapituliert haben, tritt die Wehrmacht am 5. Juni zur Schlacht um Frankreich an. Die Franzosen verteidigen sich zäh, doch die deutschen Panzertruppen stoßen unaufhaltsam in Richtung Süden vor. Paris fällt am 14. Juni. Acht Tage später muss die französische Regierung bei Compiègne die Waffenstillstandsbedingungen der Sieger unterzeichnen.
Die Sensation ist perfekt. Woran das kaiserliche Heer in vier Jahren gescheitert war, hat Hitlers Wehrmacht in vier Wochen erreicht: Frankreich ist geschlagen. Auch die Norwegen-Kampagne ist inzwischen siegreich beendet. Hitler ist auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Die Propaganda nennt ihn „den größten Feldherrn aller Zeiten“.
Doch Großbritanniens Premier Churchill will weiterkämpfen. Am 30. Juni erklärt Hitler seinen Generälen: „England wird voraussichtlich noch einer Demonstration unserer militärischen Gewalt bedürfen, ehe es nachgibt und uns den Rücken frei lässt für den Osten.“ Hitler lässt Pläne für eine Landung in England, Operation „Seelöwe“, erstellen. Doch das Unternehmen ist eher Drohkulisse als realistische Planung. Schließlich befiehlt er den verschärften Luft- und Seekrieg gegen England, die geplante Invasion wird „bis auf weiteres“ verschoben.
Zusammenfassung
Der Beitrag schildert die Stationen der Vorbereitung des Westfeldzuges durch Hitler und die überfallartige Durchführung. Bereits im Oktober 1939 hat Hitler seinen Plan der Wehrmachts-führung mitgeteilt, der dann nach vielen Verschiebungen ab dem 10. Mai 1940 durchgeführt wird. Der Autor zeichnet die vielfältigen Überlegungen im Nazi-Deutschland nach wie auch die Gegenmaßnahmen, die insbesondere in Frankreich und England getroffen wurden. Es wird deutlich, wie sehr die Franzosen noch im Denken
des alten Stellungskrieges verhaftet waren. Sie konnten der hohen Beweglichkeit der Deutschen nichts Entscheidendes entgegen-setzen. Der Blitzkrieg gegen Westen hatte Erfolg und machte die brutale Besetzung der be-siegten Länder möglich. Damit war das Ziel erreicht, dass Deutschland nunmehr seine Kraft auf den Ostfeldzug 1941 konzentrieren konnte, dort aber bekanntlich scheiterte.
Autor
Lutz Mäurer M.A., Jahrgang 1973, ist Historiker und Journalist in Mönchen-Gladbach
