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Verdeckter Militärstreik

Im November 1918 kam die Wilhelminische Zeit unerwartet zu einem Ende. Beginnend bei der anhaltenden Zuversicht der Deutschen den vierjährigen Stellungskrieg noch gewinnen zu können, über zu den ersten Spannungen in der Truppe, dem zunehmenden Elend und den wachsenden Forderungen der Zivilbevölkerung, bis hin zur Abdankung Wilhelm II. legt Patrick Schweitzer die Ereignisse der Jahre 1915-1918 dar.

Historische Aufnahme eines deutschen Soldaten
Deutscher Sturmtruppsoldat an der Westfront (Quelle: Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Dichter Nebel liegt über den Feldern der Picardie an diesem Morgen, kalt ist es, regnerisch. Langsam und behäbig bewegen sich die britischen Wachposten in ihre Stellungen. Seit Wochen, ja Monaten liegen sie nun schon ihren deutschen Gegnern gegenüber – alles scheint wie immer an diesem 21. März 1918. Doch um 4.40 Uhr bricht das Inferno los.

4.000 Feldgeschütze und 2.600 schwere Kanonen und Haubitzen eröffnen das Feuer auf die englischen Stellungen. Spreng- und Gasgranaten prasseln auf die britischen Soldaten nieder, reißen den Boden auseinander, töten. Selbst auf deutscher Seite erschüttert der Feuersturm die Soldaten. „Ein flammender Vorhang fuhr hoch, von jähem, nie gehörtem Aufbrüllen gefolgt“, schreibt der später weltbekannte Schriftsteller Ernst Jünger, der die Kämpfe selbst miterlebte, in sein Tagebuch. „Ein rasender Donner, der auch die schwersten Abschüsse in seinem Rollen verschlang, ließ die Erde erzittern. Das riesenhafte Vernichtungsgebrüll der unzähligen Geschütze hinter uns war so furchtbar, dass auch die größten überstandenen Schlachten dagegen erschienen wie ein Kinderspiel.“

Fünf Stunden später erheben sich die deutschen Sturmtruppen. Noch einmal treten insgesamt 76 Divisionen an, stürmen auf einer Breite von 80 Kilometern zur letzten großen Offensive voran. Ihr Ziel ist die Somme, von dort aus sollen sie die britische Front bis zur Kanalküste aufrollen. So soll der mittlerweile schon fast vier Jahre dauernde Stellungskrieg nun doch noch siegreich beendet und endlich der Frieden gewonnen werden – dementsprechend groß ist die Siegeszuversicht.

Doch bald zeigt sich, dass die anfängliche Euphorie trügerisch war. Zu groß ist die materielle und personelle Überlegenheit auf französischer und britischer Seite. Überall treffen die deutschen Truppen im Verlauf der nächsten Wochen auf zunehmenden Widerstand und laufen sich fest. Bald führen sie nur noch lokale Angriffe und werden schließlich ganz in die Defensive gedrängt.

Immer größer wird die Resignation der Soldaten, sie haben das Gefühl, „sinnlos verheizt“ zu werden. „Nun ist die Enttäuschung da und sie ist groß“, schreibt Generalstabsoffizier Albrecht von Thaer im April 1918. „Dies ist der Grund, warum sich auch artilleristisch gut vorbereitete Angriffe totlaufen, so bald unsere Infanterie über die stark vertrommelte Zone hinauskommt.“

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Historische Aufnahme von deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg
Stoßtrupp 1918 in einem eroberten französischen Graben (Quelle: Wikimedia Commons)Größere Abbildung anzeigen

Spannungen zwischen Offizieren und Mannschaften

Innerhalb kurzer Zeit ist der Elan der deutschen Truppen gebrochen, ihre Moral sinkt und die alten Missstände brechen wieder hervor. Besonders im Verhältnis zwischen Offizieren und Mannschaften gibt es große Spannungen. Viele Vorgesetzte nutzen die Vorteile des wilhelminischen Systems aus – nehmen ihre Soldaten für private Dienste übermäßig in Anspruch, quartieren sich in bequemeren Unterkünften ein oder beschaffen sich bessere Verpflegung.

Das ist aber noch nicht alles. „Was den Soldaten am meisten unzufrieden macht ist die ungleichmäßige Löhnung im Verhältnis zur Arbeitsleistung“, bringt ein Bauernsohn im April 1918 seinen Unmut zu Papier. „Kein Offizier darf Wache stehen, weder bei Tag noch bei Nacht und sonst noch vieles nicht. Man könnte eher von Gerechtigkeit sprechen, wenn das Verhältnis der Löhnung umgekehrt wäre.“

Immerhin verdient ein Leutnant das Zwanzigfache eines einfachen Soldaten und der Lohn ist von entscheidender Bedeutung für die Ernährungslage der Soldaten. Trotz zentraler Steuerung reicht die Standardverpflegung nämlich schon lange nicht mehr aus – sowohl an der Front als auch in der Heimat herrscht akuter Mangel. Nur wer es sich leisten kann, erhält noch abwechslungsreiche und sättigende Nahrung.

Verstärkt wird der Unmut der Soldaten durch die Unterschiede zwischen Front und Etappe. Teilen Soldat und Offizier an der Front oft die gleichen Gefahren, die gleichen Entbehrungen, so brechen im Hinterland die Unterschiede wieder klar hervor. Besonders vor dem Besuch höherer Offiziere nimmt der stumpfe Drill zum Teil exzessive Dimensionen an. „Dann die blödsinnigen Schikanen, Befehle von oben herab. Da wissen sie nicht, wie sie den Muschkoten drieseln sollen“, schreibt ein Soldat entnervt in die Heimat.

Spätestens ab der zweiten Hälfte des Jahres 1916 ist die große Masse der Soldaten deshalb nur noch von einem Wunsch beseelt – es soll endlich Frieden werden.

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Historische Aufnahme mit wartenden Männern und Frauen
Warteschlangen vor einer Brotausgabe (Quelle: Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Nahrungsmangel auch in der Heimat

Auch in der Heimat bestimmt die Sehnsucht nach einem Ende des Krieges schon lange den Alltag. Ist doch die Versorgungslage auch hier durch die englische Seeblockade angespannt. Bereits im Februar 1915 erfolgt die Einführung einer „Brotkarte“. Bis Jahresende 1916 werden die wichtigsten Grundnahrungsmittel rationiert - das Brot muss gestreckt, die Milch verdünnt werden.

Trotz dieser Maßnahmen und des Rückgriffs auf wenig nährreiche Ersatzstoffe kann eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung nicht gewährleistet werden.

Im Winter 1916/17 bricht die Kartoffelzufuhr dann vollständig zusammen. „Hier bei uns sieht es traurig aus, schon fünf Wochen keine Kartoffeln, Mehl und Brot knapp“, schreibt eine Hamburgerin im Februar 1917 in ihr Tagebuch. „Man geht hungrig zu Bett und steht hungrig wieder auf. Nur die ewigen Rüben, ohne Kartoffeln, ohne Fleisch, alles in Wasser gekocht.“ Hungerödeme werden zum Massenphänomen in diesem „Kohlrübenwinter“.

Zur Linderung der prekären Lage reisen Kolonnen von Frauen und Kindern am Wochenende in die ländlichen Gebiete. Bei den Bauern wollen sie Nahrungsmittel kaufen. Häufig vernichten die horrenden Lebensmittelpreise einen Großteil der Ersparnisse der ärmeren Bevölkerungsschichten – ein Teufelskreislauf aus zunehmender Armut, Hunger und Verelendung.

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Historische Aufnahme einer Demonstration
Matrosenaufstand in Kiel: Demonstration der Revolutionäre am … (Quelle: Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Streikausbrüche werden ab 1918 zunehmend politischer

Bereits im Jahr 1916 gibt es erste wilde Streiks - die Arbeiterschaft wird zunehmend zu einer schwer kontrollierbaren Masse. Revolutionär sind ihre Ziele noch nicht. Wollen die Arbeiter doch vorerst nur eine Verbesserung ihrer Situation - mehr Lohn, mehr Essen, geringere Arbeitszeiten heißen ihre Forderungen.

Erst mit dem immer aussichtsloseren Kriegsverlauf und der Oktoberrevolution in Russland wird auch die Arbeiterschaft politischer – am 28. Januar 1918 kommt es zum ersten Ausbruch. „Heute morgen habe ich hier etwas ganz Imposantes gesehen“, berichtet die Hamburger Büroangestellte Hedwig Brosterhues an diesem Tage. „Vor ungefähr einer Stunde kommt mein Alter ganz atemlos in die Tür und sagt: Sehen Sie mal dort unten die streikenden Arbeiter. Wir natürlich gleich ans Fenster. Da zog sich eine riesig lange Reihe von Arbeitern und Arbeiterinnen durch die Mönckebergstraße anscheinend nach einem Gewerkschaftshaus. Ich kann Dir sagen, als ich das sah, diesen Zug ernster Arbeiter und Frauen, so still durch die Straßen ziehen, da ging es mir ordentlich wie ein Jubel durch und durch.“

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Erstes Einschreiten der Regierung

Allein in Berlin streiken ungefähr 400.000 Arbeiter. Von hier aus springt der Funke in fast alle Industriegebiete über. Dem bolschewistischen Vorbild folgend gibt sich die Berliner Streikleitung am Nachmittag den Namen „Arbeiterrat“.

Für die Obrigkeit ist damit das Tischtuch endgültig zerschnitten. Eine Übertragung sowjetischer Verhältnisse will sie um jeden Preis verhindern und so werden streikende Betriebe unter militärische Kontrolle gestellt, Demonstrationen und Versammlungen verboten, Gewerkschaftshäuser geschlossen und außerordentliche Kriegsgerichte eingerichtet. In Berlin wird der verschärfte Belagerungszustand proklamiert.

Als es im Stadtteil Moabit zu ersten Straßenschlachten zwischen der Polizei und Streikenden kommt, deutet alles auf eine bevorstehende Revolution hin. Sie kann nur durch das Eingreifen der Führer der MSPD und der Gewerkschaften verhindert werden. Die Mehrheitssozialdemokraten stellen sich, anfangs widerwillig, an die Spitze der Streikbewegung, und ermöglichen damit die Kanalisierung der Spannungen.

Zwar wird im Laufe des 2. und 3. Februar 1918 in den meisten bestreikten Betrieben wieder gearbeitet, doch die Risse in der wilhelminischen Gesellschaft sind von nun an unübersehbar.

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Die Armee will endlich Frieden

In diese angespannte Lage stößt der Misserfolg der Michaeloffensive und eine verhängnisvolle Spirale setzt sich in Gang. Auch an der Front bricht nun der „stumme“ Unmut wieder hervor und verstärkt sich – in der Armee beginnt ein „verdeckter Militärstreik“.

Bereits Mitte April wollen viele Soldaten nicht mehr angreifen, in der Etappe wird zunehmend geplündert und bei den Transporten verschwinden die Männer. Viele Leichtverletzte versuchen, sich ins Hinterland abzusetzen, um von dort einen Weg nach Hause zu finden – Ende Mai sind Drückebergerei und Desertion endgültig zum Massenphänomen geworden. Eine wirkliche Identifikation mit der Führung ist kaum mehr vorhanden, unabhängig von der sozialen Herkunft der Ersatztruppen.

Wie ein Brandbeschleuniger wirkt in dieser Situation die alliierte Gegenoffensive am 18. Juli 1918. Rasch merken die deutschen Soldaten, dass sie dieser Überlegenheit wenig entgegen zu setzen haben. Besonders die Niederlage der 2. Armee am 8. August 1918 und der damit verbundene Zusammenbruch der Westfront wirkt auf beiden Ebenen als Fanal – nach diesem „Schwarzen Tag des deutschen Heeres“ soll endlich der Frieden her, so die einhellige Forderung.

„Die Hauptsache ist, dass der Schwindel und das Morden ein Ende haben“, schreibt ein Soldat in die Heimat. „Uns kann es egal sein, ob wir Deutsche bleiben oder Franzosen, wir sind doch so weit fertig jetzt. Wenn es jetzt nicht zum Schluss kommt, dann bleibt überhaupt nichts mehr übrig von Deutschland.“

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Historische Aufnahme Kaiser Wilhelm <ABBR lang="de" title="des Zweiten">II.</ABBR> und mehrerer Offiziere auf einem Bahnsteig
Flucht Wilhelms II. (Vierter von links) am 10. November 1918 … (Quelle: Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Die Revolution ist unaufhaltsam

Tagtäglich verschärft sich die Situation an der Front. Die Verluste sind enorm. Vom Juli 1918 bis zum Waffenstillstand am 11. November 1918 sind nochmals 420.000 Tote und Verwundete und 340.000 Gefangene zu beklagen. Die Radikalisierung der Männer erhält enorme Schubkraft und richtet sich zunehmend auch gegen die Krone und ihre Repräsentanten. Sie erscheinen den meisten Soldaten als Urheber und Nutznießer des Krieges.

Ungläubig notiert ein Hauptmann in einem Bericht an die Oberste Heeresleitung: „Die Stimmung ist sehr schlecht. Die Truppen sind nicht mehr kampfwillig. Bilder des Kaisers, Hindenburgs und Ludendorffs dürfen in Kinos nicht mehr gezeigt werden. Man pfeift. Bei dem Zeigen des Bildes Hindenburgs soll in einem Korpsbereich gerufen worden sein: ‚Licht aus, Messer raus, zwei Kochgeschirre zum Blutfangen!‘“

Am Ende ist es ein kleiner Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt – die Befehlsverweigerung der Matrosen der Kaiserlichen Flotte in Wilhelmshaven am 29. Oktober 1918. Schnell erfasst der revolutionäre Funke die stumme Masse in Heer und Heimat, überall im Land entstehen Arbeiter- und Soldatenräte. Ihre anfangs nur begrenzten Ziele erfahren rasch eine Erweiterung und werden politisch. Die Vorherrschaft der militärischen Hierarchie in Staat und Gesellschaft soll nun gebrochen werden.

Innerhalb weniger Tage stürzt die Ordnung im Deutschen Reich zusammen und mit ihr auch der wilhelminische Staat. Die „Revolution“ ist nun unaufhaltsam und am 9. November muss Wilhelm II. abdanken – Deutschland ist damit zur Republik geworden.

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Stand vom: 11.03.2009 | Autor: Patrick Schweitzer

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