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Geschichte der Söldner

Bei einem Feuergefecht im Zentrum von Bagdad sind am 16. September des vergangenen Jahres 17 irakische Zivilisten ums Leben gekommen. Angestellten des amerikanischen Sicherheitsunternehmens Blackwater sollen die Schüsse abgegeben haben.

Soldat in Helikopter
Unternehmen wie Blackwater stellen die modernen Arbeitgeber … (Quelle: Wikipedia)Größere Abbildung anzeigen

Der tragische Vorfall lenkte für kurze Zeit die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf ein Phänomen, das so alt ist wie der Krieg selbst und in den letzten anderthalb Jahrzehnten eine immer größere Rolle in den Krisenregionen der Welt spielt: das Söldnertum. Die Landsknechte von heute sind Mitarbeiter von weltweit operierenden, teilweise börsennotierten Unternehmen. Die Firmen heißen Aegis, Dyncorp, International Risk, Executive Outcomes oder eben Blackwater.

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Für bare Münze

Die Motive sind die selben wie vor tausend Jahren: Ein Söldner nimmt aus Streben nach persönlichem Gewinn an einem bewaffneten Konflikt teil. Er kämpft in erster Linie für einen Sold und greift für denjenigen zur Waffe, der ihm das lukrativste Angebot macht. Seit sich Völker mit Waffen bekämpfen, gibt es immer wieder Krieger, die gegen Bezahlung ins Feld ziehen – oft aus schierer materieller Not heraus: Athen verpflichtete im Peleponnesischen Krieg kretische Bogenschützen und Schleuderer. Schwer bewaffnete griechische Hopliten waren begehrte Söldner sowohl der persischen Großkönige als auch ägyptischer Herrscher. Die Römer verließen sich in den Punischen Kriegen beim Kampf um die Vormachtstellung im Mittelmeer zunächst vor allem auf ihr Bürgerheer. Karthago, ihr Gegner bei diesem Ringen, setzte auf Söldnerarmeen. Rom siegte. Für den römischen Historiker Polybios war klar: „Auch insofern verdient das römische Staatswesen größeres Lob als das karthagische. Denn hier hängt die Freiheit der Stadt an dem Mut von Söldnern, dort beruht sie auf der eigenen Tapferkeit (…) Da jene für ihre Vaterstadt und ihre Kinder fechten, kann ihre Entschlossenheit niemals nachlassen (…).“ Ob sich dadurch allein die Niederlage der Karthager erklären lässt, darf bezweifelt werden. Die nur für Sold kämpfenden karthagischen Truppen brachten das aufstrebende Rom jedenfalls an den Rand der Niederlage.

Mit Waffengewalt zum Weltreich gewachsen, vertraute Rom selbst mehr und mehr auf den Schutz durch Söldner. In der Spätantike kämpften Barbaren-Verbände als so genannte Hilfstruppen in den Kriegen der zunehmend bedrängten Cäsaren und ersetzten so römische Bürger. Die Abschaffung der Bürgerpflicht Wehrdienst und der Aufbau einer Berufsarmee aus Legionären trugen ihren Teil zum Untergang des Weströmischen Reiches bei, sind einige Historiker überzeugt.

Auf den Schlachtfeldern des frühen Mittelalters waren Söldner eher selten. Die Kriege der Feudalgesellschaft wurden zunächst hauptsächlich von Rittern, ihrem Gefolge und leibeigenen Bauern ausgetragen. Dies sollte sich ändern. Denn das feudale Heerwesen hatte eklatante Schwächen: Die ausgehobenen Bauern standen nur für kurze Zeiträume zur Verfügung und waren militärisch kaum ausgebildet und spezialisiert. So waren bereits im Hundertjährigen Krieg unter den Gefallenen der Schlacht bei Crécy (1346) zahlreiche Söldner aus Genua. Philipp VI. von Frankreich hatte dieses Kontingent Armbrustschützen angeworben. Doch die britischen Langbögen hatten sich als überlegen erwiesen.

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Reisläufer
Schweizer Reisläufer überqueren die Alpen. (Quelle: Wikipedia)Größere Abbildung anzeigen

Ganze Armeen entstehen

Die Siege britischer Bogenschützen bei Crécy und Azincourt über die französische Ritterschaft sind symptomatisch für den Niedergang der Ritterheere. Etwa zeitgleich gewann im Spätmittelalter das Söldnertum an Bedeutung. Die Machthaber in den norditalienischen Städten verließen sich als erste völlig auf Söldnerarmeen. In der Frührennaissance (14. Jahrhundert) waren Venedig, Florenz, Genua und Mailand zu enormen Reichtum gekommen. Die Oberschichten wollten für sich und ihre Arbeitskräfte den unprofitablen Kriegsdienst vermeiden. Sie beauftragten dafür so genannte „freie Kompanien“, die nicht selten von verarmten Adeligen geführt wurden. Die Grundlage dieser militärischen Dienstleistungen war ein festgelegter Sold, der in einem Vertrag, der so genannten „condotta“, festgehalten wurde. Als Condottieri sollten die norditalienischen Söldnerführer bekannt werden.

Bald bekamen sie Konkurrenz aus dem Norden: den Schweizer Garden. Die Soldaten aus dem kleinen Alpenland erwarben sich einen legendären Ruf auf den Schlachtfeldern Europas. Die Verbände bestanden aus jungen Männern des gleichen Dorfes oder Tals. Als schwere Infanterie kämpften sie mit langen Spießen in einer Art Phalanx und trotzten so auch Reiterverbänden. Auch Papst Pius II. engagierte 1506 Schweizer Reisläufer. Noch heute bewachen sie den Vatikan.

Die deutschen Landsknechte waren zunächst nur eine schlechte Kopie der Schweizer Garden und ihnen regelmäßig unterlegen. Doch als in vielen Gegenden der Schweiz die Söldnertum erschwert oder sogar verboten wurde, begannen die Deutschen den Söldnermarkt zu dominieren. Die Landsknechte perfektionierten im 15. und 16. Jahrhundert das Heerwesen der damaligen Zeit. Sie entwickelten speziell bewaffnete Einheiten für spezifische Kampfhandlungen und Einsatzgebiete: Pikeniere mit langen Spießen, Schwertkämpfer und Schützen mit Arkebusen und später Musketen. Die Formationen der Landsknechtregimenter orientierten sich an den so genannten Gewalthaufen der Schweizer Garden. Das Fähnlein war der taktische Gefechtsverband der Gewalthaufen und umfasste im Idealfall rund 400 Pikeniere, 50 Söldner mit Hellebarden und 50 Arkebusiere. Mit den ungeordneten Fußtruppen des Mittelalters hatten die Landsknechtformationen nichts mehr gemein. Die Söldner machten den Krieg zu einer Profession.

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Söldner im Dreißigjährigen Krieg

Mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) erlebte das Söldnertum im Stile der Condotterie einen letzten Höhepunkt. Der Bedarf an Feuerwaffen stieg. Doch die Mengen an teuren Musketen konnten sich die privaten Kriegsunternehmer kaum noch leisten. Einer der letzten war Albrecht von Wallenstein, der in Böhmen eine bis dahin nicht gekannte private Kriegsmaschinerie mit Rekrutierung, Ausbildung und Waffenproduktion aufbaute. Seine Truppen fochten im Auftrag des Kaisers Ferdinand II. und machten Wallenstein zu einem der reichsten Männer Europas.

Der Westfälische Frieden besiegelte das Ende der privaten Kriegsunternehmer. Von nun an hatte der Staat das Gewaltmonopol. Im Zeitalter des Absolutismus wollten die Monarchen die vollständige Kontrolle über alle Bereiche des Staates - und nicht zuletzt auch über ihre Streitkräfte. „Im 16. und 17. Jahrhundert hat der Staat das florierende Söldnerwesen unter seine Kontrolle gebracht. Er hat die militärischen Dienstleistungen verstaatlicht, die Krieger also gleichsam verbeamtet“, so der Konfliktforscher Herfried Münkler. „Das heißt, die Soldaten haben Geld bekommen, auch wenn sie in der Garnison lagen und nicht im Feld standen.“

Mit dem wachsenden Bedarf der europäischen Monarchen an Soldaten entwickelte sich ein internationaler Markt für professionelle Militärs. Beispielsweise dienten im preußischen Heer „Legionäre“ aus verschiedenen Ländern. Manche Staaten verdienten Geld damit, ihre Truppen zu verkaufen oder zu verleihen. So kämpften 30 000 hessische Soldaten in den britischen Kolonien unter englischer Flagge gegen die rebellierenden Vereinigten Staaten.

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Landknechte
Deutsche Landsknechte im 15. und 16. Jahrhundert (Quelle: Wikipedia)Größere Abbildung anzeigen

Verbot für Söldner

Die Französische Revolution leitete 1789 nicht nur das Ende des Absolutismus, sondern auch das vorläufige Ende des Söldnertums ein. Das revolutionäre Frankreich verbot die Beschäftigung von Söldnern auf französischem Boden und führte die allgemeine Wehrpflicht ein. Mit den so geschaffenen Volksarmeen im Rücken eroberte Napoleon große Teile des Kontinents. Die meisten europäischen Staaten folgten dem erfolgreichenVorbild und verpflichteten ihre Bürger zum Wehrdienst.

Die großen Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts wurden in erster Linie mit nationalen Wehrpflichtarmeen ausgefochten. Söldner waren geächtet – aber nie völlig verschwunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge der Entkolonialisierung, begann der afrikanische Kontinent für Ex-Fremdenlegionäre und Abenteurer ein interessanter Marktplatz zu werden. In Bürgerkriegen verstrickt, hatten die gerade von ihren Kolonialherren befreiten Staaten Bedarf an professionellen Militärs, um ihre Armeen auszubilden und zu führen. Im Kongo, in Nigeria (Biafra-Krieg), Sierra Leone und Liberia kämpften Söldner. Männer wie der Wehrmachtsveteran Siegfried Müller („Kongo-Müller) oder der Ire Mike Hoare erreichten in den 1960er Jahren traurige Berühmtheit. Auch in südamerikanischen Diktaturen waren ehemalige Wehrmachtssoldaten bei der Ausbildung und Beratung von Streitkräften willkommen.

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Söldner in Fahrzeug
Söldner beteiligen sich an der Operation „Dragon Rouge“ im K … (Quelle: Wikipedia)Größere Abbildung anzeigen

Kein Monopol auf Kriegsführung

Doch im Zeitalter des Kalten Krieges blieben Söldner Randerscheinungen. Angesichts der permanenten Bedrohungslage setzten beide Blöcke auf Wehrpflicht. Das änderte sich, als 1990 der Eiserne Vorhang fiel. Krieg und Wehrhaftigkeit verloren für die Bürger der westlichen Gesellschaften an Bedeutung. Für den unwahrscheinlichen Verteidigungsfall wähnten sie sich hinter nuklearen Waffenarsenalen sicher. Die Vorstellung für die Freiheit der westlichen Welt im Irak oder Afghanistan zur Waffe zu greifen, schreckt die meisten jungen Männer Nordamerikas und Westeuropas heute ab. Soziologen sprechen von einer „postheroischen Gesellschaft“. Dennoch ist der Bedarf an Soldaten in den Krisenregionen der Welt nach wie vor groß. Das haben die Gründer von Unternehmen wie Blackwater erkannt. Sie versuchen die Nachfrage nach militärischen Dienstleistungen zu befriedigen. Für staatliche Auftraggeber haben Söldner Vorteile: Sie können kurzfristig und für begrenzte Zeiträume engagiert werden und bei Verlusten im Kampf hält sich der öffentliche Aufschrei in Grenzen. Allein im Irak sind Schätzungen zu Folge bis zu 20 000 Beschäftigten von Sicherheitsunternehmen im Auftrag der US-Regierung oder Privatunternehmen im Einsatz.

Der Staat hat als Monopolist des Krieges abgedankt. In vielen Konfliktregionen stehen sich Warlords, Guerillas oder Terrornetzwerke auf der einen und private Anbieter militärischer Dienstleistungen auf der anderen Seite gegenüber. „Heute entwickeln sich die Dinge ähnlich wie zwischen 1648 und 1815, nur in umgekehrter Richtung“, schreibt der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld. „Zunächst werden Transport, Wartung, Verpflegung und medizinische Versorgung (…) privatisiert (…). Später werden diese Unternehmen dann auch für andere Dienstleistungen zuständig.“ Als „die Fortsetzung der Ökonomie mit anderen Mitteln“ hat der Politökonom David Keen in Paraphrasierung von Clausewitz die Privatisierung des Krieges bezeichnet. Sie birgt Risiken. Herfried Münkler warnte in einem Zeitungsinterview: „Wenn eine Struktur von militärischen Dienstleistern entsteht, kann man nicht ausschließen, dass diese, um ihre Weiterversorgung zu gewährleisten, permanent neue Konflikte inszenieren.“ Der Journalist Rolf Uesseler bezeichnet das Söldnertum gar als eine Bedrohung für die Demokratie.

Fest steht: Der Staat hat nicht mehr das Monopol der Kriegsführung und das private Kriegsunternehmertum feiern in den vergangenen Jahren ein Combeback. Aber: Nach wie vor ist der Staat in den meisten Kriegen ein wichtiger Akteur. Und ob die westlichen Gesellschaft in Zukunft das Risiko eingehen werden, ihre Sicherheit völlig privaten Unternehmern anzuvertrauen, darf bezweifelt werden. Das Söldnertum hat im Laufe seiner Geschichte Boom- und Rezessions-Phasen erlebt. Derzeit befindet sich die private Kriegswirtschaft in einer Aufschwungphase. Eine neue Dominanz, ein neues militärisches Monopol wie in der Rennaissance, ein Zeitalter der Condotterie, ist allerdings kaum zu erwarten.

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Stand vom: 10.12.2008 | Autor: Lutz Mäurer

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