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Lebendige Erinnerungskultur pflegen

Antisemitische Einstellungen sind in Deutschland nach wie vor erschreckend weit verbreitet. In einer Studie der Uni Leipzig vom Mai/ Juni 2006 waren 17,8 Prozent der Befragten in Ost und West der Meinung: „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.“ Was vor 65 Jahren am Großen Wannsee 56-58 in Berlin geschah, macht die meisten Deutschen allerdings fassungslos: In dem idyllisch gelegenen Haus treffen sich am 20.Januar 1942 auf Einladung Reinhard Heydrichs, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, 15 Spitzenbeamte der Ministerialbürokratie und der SS zum Frühstück und besprechen in nur eineinhalb Stunden die Organisation der Vernichtung des europäischen Judentums.

Soldaten bei Museumsführung

Im Haus der Wannseekonferenz (Quelle: Petersen)Größere Abbildung anzeigen

In einer „sehr entspannten Atmosphäre“ debattierte man bürokratisch-nüchtern Zuständigkeiten für die Deportation der Juden in den Osten und organisatorische Potenziale für Kapazitätssteigerungen. Die Opfer des systematisch und gründlich geplanten Massenmordes wurden dabei nicht als Menschen angesehen. Bestenfalls als (ein) Verschleißmaterial, das für eine begrenzte Zeit nutzbar ist. In dem von Adolf Eichmann verfassten 15-seitigen Protokoll ist später nicht ein einziges Mal von „Mord“ die Rede. Allerdings: Auf Wunsch Heydrichs schrieb er das Protokoll erheblich um. Auf der Wannseekonferenz seien weit deutlichere Worte gefallen, so Eichmann 1961 in israelischer Untersuchungshaft. Niemand habe grundsätzliche Bedenken gegen die Ermordung von elf Millionen Menschen gehabt.

Heydrich machte den Anwesenden klar, dass für die „Endlösung“ der sogenannten Judenfrage die SS, und innerhalb der SS das Reichssicherheitshauptamt, verantwortlich sei. Vertreter der Reichsbahn wurden nicht eingeladen. Höchstwahrscheinlich, so glaubt der israelische Historiker Yehuda Bauer, weil von ihnen keine Bedenken erwartet wur­den. Auch die Wehrmacht fehlte auf der Teilnehmerliste.

Einen schriftlichen Befehl Hitlers zur Ermordung der Juden gibt es nicht. In seiner als Tondokument erhaltenen Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 prophezeite Hitler: „Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“ Die Reichstagsabgeordneten applaudierten begeistert. Im gleichen Jahr begann der Zweite Weltkrieg – initiiert von Hitler persönlich. Die jüdische Minderheit war aus Deutschland weitgehend vertrieben.

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Texttafel in Museum

Auszug aus einem Brief General Hellmuth Stieffs (Quelle: Petersen)Größere Abbildung anzeigen

„Als Partisanen auszurotten“

Im Herbst 1939 gingen die Nationalsozialisten nach Ansicht des deutschen Historikers Peter Longerich in ihrer „Judenpolitik“ offen von der Ausgrenzung und Vertreibung zu einer Vernichtungspolitik über. Diese Zuspitzung erreichte im Sommer 1941 ihre zweite Stufe: Während in den ersten Wochen des Barbarossafeldzuges bei Massenexekutionen zehntausende wehrfähige jüdische Männer erschossen wurden, wurden ab Ende Juli 1941 Hunderttausende von Juden, Männer und Frauen in jedem Alter sowie Kinder ermordet. In Moskau fand man nach dem Ende des Kalten Krieges 1991 in einem Sonderarchiv den Dienstkalender Heinrich Himmlers, Reichsführer SS, in dem dieser nach einem Treffen mit Hitler am 18. De­zember 1941 hinter dem Stichwort „Judenfrage“ notierte: „als Partisanen auszurotten“.

Historiker beschäftigt seit langem die Frage, welche Rolle die Wannseekonferenz innerhalb der Planung und Organisation des Völkermordes an den europäischen Juden spielte. Für Peter Longerich ist sie Teil eines bis zum Frühjahr 1942 dauernden Entscheidungsprozesses, in dessen Verlauf die Führung des „Dritten Reiches“ die Massaker an den Juden in Ost- und Südosteuropa zu einem Programm der systematischen Ermordung des europäischen Judentums erweiterte.

Gedenkstätten an authentischen Orten wie dem Haus der Wannseekonferenz sind heute ein zentrales Element einer Erinnerungskultur, die zur Auseinandersetzung mit der Geschichte einlädt. Geschichte verständlich aufbereitet, belebt das historische Bewusstsein neu. Eine ständige Ausstellung, Studientage oder mehrtägige Seminare erklären „wie“ und „unter welchen Umständen“ Menschen zu Tätern werden und stellen Fragen nach der Würde des Menschen. „Man kann sich in Deutschland wohl kaum einen besseren Ort vorstellen, um die Erinnerung an dieses Verbrechen wach zu halten und über dessen Ursachen nachzudenken“, glaubt Holocaust-Experte Longerich.

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Soldaten bei Museumsführung

Führungen für die Bundeswehr (Quelle: Petersen)Größere Abbildung anzeigen

Ort der Erinnerung

„Seit zehn Jahren besuchen im Rahmen ihrer politischen Bildung auch Bundeswehrsoldaten unsere Seminare“, erzählt Wolf-Dieter Mattausch, Historiker im Haus der Wannseekonferenz. Über das Thema „Wehrmacht und Judenvernichtung“ sprachen er und seine Kollegin Ingrid Damerow vor 30 Marine-Soldaten der Fregatte „Köln“. Bestandteile des Studientages waren ein gemeinsamer Rundgang durch die neu konzipierte ständige Ausstellung, Tondokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus und ein Dokumentarfilm. Für die Verfolgung, Gettoisierung und insbesondere Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Regime im Zweiten Weltkrieg müsse man eigentlich das hebräi­sche Wort „Shoa“ benutzen, erklärt der Historiker den Soldaten. Allerdings sei „Holocaust“ die gebräuchliche Bezeichnung für die Massenvernichtung von Juden. Bei der Auseinandersetzung mit der Rolle der Wehrmacht im Dritten Reich – so hofft Mattausch – wird den jungen Bundeswehrsoldaten klar, unter welchen Umständen Armeeangehörige zu „Tätern“ werden können, und wo Grenzen von Befehl und Gehorsam sowie des militärischen Eids liegen müssen.

Der Einfluss des Nationalsozialismus auf das Militär war von Anfang an gegeben. Schon die neue Eidesformel der Reichswehr vom Dezember 1933 wies auf eine Abkehr von der Reichsverfassung und ihren gesetzmäßigen Einrichtungen. Die Verstrickung der später in Wehrmacht umbenannten Reichswehr in das NS-Regime begann im August 1934 mit dem Ableisten des militärischen Eides auf Adolf Hitler und der Verpflichtung zum unbedingten Gehorsam. Nur neun Monate später wurde im Wehrgesetz vom 21. Mai 1935 unter § 15 Absatz 1 die arische Abstammung als Voraussetzung für den aktiven Wehrdienst festgeschrieben. Das Eingehen der Ehe mit Personen nicht-arischer Herkunft wurde den Wehrmachtsangehörigen verboten. Eine politische Betätigung der Soldaten schloss § 26 des Wehrgesetzes ebenso aus, wie ein Recht zum Wählen oder zur Teilnahme an Abstimmungen im Dritten Reich.

Die Aufrüstungsbestrebungen der Nazis wurden unter den Soldaten angesichts der „Schmach von Versailles“ mehr als ein Zeichen von Patriotismus denn von Nationalismus angesehen. Gegen die Ausgrenzung, Deportationen und Massenerschießungen von Juden regte sich in der Gesellschaft kein spürbarer Widerstand. Der Nationalsozialismus hatte in allen Schichten der Gesellschaft den Antisemitismus gesell­schaftsfähig gemacht.

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Soldat vor Tafel

Wichtig: Eine lebendige Erinnerungskultur (Quelle: Petersen)Größere Abbildung anzeigen

Grenzen von Militär und Gehorsam

Am 21. Juni 1944 - die Ermordung ungarischer Juden in Auschwitz lief auf Hochtouren - hielt Himmler in Sonthofen eine Rede vor Wehrmachtsgenerälen, die im Fragment erhalten ist. Sichtlich beeindruckt hören die Bundeswehrangehörigen im Haus der Wannseekonferenz, wie Himmler von dem Auftrag der SS, die Judenfrage zu lösen, sprach und zufrieden feststellte: „Es ist gut, dass wir die Härte hatten, die Juden in unserem Bereich auszurotten“. Der Reichsführer war überzeugt, dass die Generäle als Soldaten Verständnis dafür hätten, wie schwer ein derartiger Befehl auszuführen sei. Warum auch Frauen und Kinder umgebracht wurden, begründete er so: „Die Kinder werden eines Tages groß werden, wollen wir so unanständig sein und sagen, dass wir dazu zu schwach waren und diese Aufgabe unseren Kindern überlassen?“ Historikerin Damerow erklärt den Bundeswehrsoldaten: „Himmler war besorgt um die Anständigkeit seiner Leute. Er begründete eine eigene Form der Moral.“

Als drei Jahre zuvor deutsche Truppen ohne Kriegserklärung am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion einmarschierten, hatte die Wehrmachtsführung bereits zugestimmt, dass das Unternehmen Barbarossa als „Vernichtungskampf“ gegen die „Weltverschwörung des jüdischen Bolschewismus“ geführt wurde. Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Wilhelm Keitel, ordnete im Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom Mai 1941 an, dass Straftaten von Zivilpersonen, die in den Ostgebieten gegen die deutsche Wehrmacht erfolgten, nicht durch ordentliche Verfahren vor Standgerichten oder Kriegsgerichten geahndet werden durften. Flüchtende Personen sollten unverzüglich, Tatverdächtige auf Geheiß eines Offiziers erschossen werden. Wehrmachtsangehörige sollten sich bei Übergriffen nicht vor einem Militärgericht verantworten müssen. Dieser Erlass war allerdings nach deutschem Recht und nach internationalem Kriegs- und Völkerrecht rechtswidrig. Wie sehr sich die Wehrmacht in die nationalsozialistische Ideologie verstrickte, zeigte sich auch darin, dass vor dem Barbarossafeldzug die „Zehn Gebote für die Kriegsführung des deutschen Soldaten“ aus den Soldbüchern entfernt wurden. „Unsere Einsätze hingegen bestimmen Verhaltensregeln, sogenannte rules of engagement, die das Völkerrecht und das Recht auf Notwehr wahren und rechtswidriges Verhalten nicht tolerieren“, sagt einer der Bundeswehrsoldaten.

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Soldaten in Bibliothek

Gruppenarbeit zur Vertiefung des Themas (Quelle: Petersen)Größere Abbildung anzeigen

Verwicklung der Wehrmacht

„Wenige Wochen später im Juni 1941 erließ die Wehrmachtführung den Kommissarbefehl“, fährt Historiker Mattausch in seinen Ausführungen fort. Das OKW stellte fest, dass „im Kampf gegen den Bolschewismus“ nicht mit einem Verhalten des Feindes nach den Grundsätzen der Menschlichkeit oder des Völkerrechts zu rechnen sei. Und schlussfolgerte: „…von den politischen Kommissaren aller Art“ sei „eine hasserfüllte, grausame und unmenschliche Behandlung unserer Gefangenen“ zu erwarten. Die Wehrmachtssoldaten wurden aufgefordert, die politischen Kommissare bei Ergreifung grundsätzlich sofort aus dem Kreis der Kriegsgefangenen auszusondern und zu „erledigen“. Dies gelte auch, wenn sie nur des Widerstandes, der Sabotage oder der Anstiftung hierzu verdächtig wären. Bemerkenswert: Bei der Beurteilung der Frage, ob schuldig oder nicht, habe grundsätzlich der persönliche Eindruck von der Gesinnung und Haltung der Kommissare höher zu gelten, als der vielleicht nicht zu beweisende Tatbestand. Wie sehr die Wehrmacht in die nationalsozialistische Ideologie eingebunden war, zeigt auch der Reichenau-Befehl vom Oktober 1941: Von „gerechter Sühne am jüdischen Untermenschentum“ und „entarteten Weibern“ ist die Rede, die Verpflegung von Kriegsgefangenen wird als missverstandene Menschlichkeit angesehen, die „erbarmungslose Ausrottung artfremder Heimtücke zur Sicherung des Lebens der deutschen Wehrmacht“ als Aufgabe der Soldaten angesehen.

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Rechtsstaatliche Prinzipien auch für das militärische Handeln

Nach Kriegsende mussten sich 1945 der Generalstab und das OKW vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal wegen Verschwörung und Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Der Chef des OKW, Wilhelm Keitel, erklärte: „Für einen Soldaten sind Befehle Befehle.“ Das sehen die Bundeswehrsoldaten anders. „Man darf laut Soldatengesetz nicht jeden Befehl ausführen. Befehle gegen die Menschlichkeit sind zu verweigern. Das wird Grundwehrdienstleistenden gelehrt“, sagt Hauptbootsmann Christian Zell und bezieht sich dabei auf §11 des heutigen Soldatengesetzes: „Ungehorsam liegt nicht vor, wenn ein Befehl nicht befolgt wird, der die Menschenwürde verletzt oder der nicht zu dienstlichen Zwecken erteilt worden ist.“

Rechtsstaatliche Prinzipien auch für das militärische Handeln bestimmen heute das Konzept der Inneren Führung und das damit verbundene Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“. Innere Führung bringt die Freiheitsprinzipien des demokratischen Rechtsstaates mit den Ordnungs- und Funktionsprinzipien der Streitkräfte in Einklang. Die Bundeswehrangehörigen – da sind sich die Soldaten der Fregatte „Köln“ einig – sind Teil der Gesellschaft. Kein Wunder, dass es im aktuellen Bericht des Wehrbeauftragten heißt: „Im Hinblick auf die rechtsextremistischen und fremdenfeindlichen Vorfälle im Zivilleben gab es erwartungsgemäß auch in der Bundeswehr in diesem Berichtsjahr wieder einschlägige Vorkommnisse.“

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Bernd Petersen


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