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Militärische Vorbilder - Mythos und Realität

Politik und Kultur und somit auch der Film sind eng miteinander verbunden und benutzen sich gegenseitig als Medium sowie als Mittler von Werten und Wertvorstellungen. Auch die Verwendung römischer Soldaten im Film, vor allem in Hollywoodproduktionen, bringt oftmals Implikationen über Sitten, Tugenden und Werte zum Tragen, die unsere Vorstellungen von Soldaten und vom Militär maßgeblich prägen. (4/2011)

Szene aus dem Historienfilm „Spartacus“

Der Historienfilm „Spartacus“ von 1960 thematisiert den Sklavenaufstand im antiken Rom. Kirk Douglas verkörperte den Anführer, der sich den Römern entgegenstellt. (Quelle: Universal Pictures)Größere Abbildung anzeigen

In den USA wird der Film vorrangig als kommerzielle Angelegenheit betrachtet. Bis heute ist das Ziel, möglichst viele Zuschauer ins Kino zu locken. So entwickelte sich der sogenannte Actionfilm, der in seiner Grundstruktur an die römischen Gladiatorenkämpfe erinnert. Die christlich geprägte amerikanische Bevölkerung zeigt sich dabei besonders für Filme empfänglich, die den Kampf des Guten gegen das Böse zum Inhalt haben. Gerade in den USA wird vielfach das Leben als Kampf verstanden, welches den Menschen nahezu täglich Bewährungen und Entbehrungen abverlangt - ganz so wie schon den Soldaten und Kriegern in antiker Zeit. Viele Hollywoodfilme betreiben einen monumentalen Aufwand bei Ausstattung und Inszenierung mit großen Kulissen, vielen Statisten und aufwändigen Kostümen.

Insbesondere die Sandalenfilme erfreuten sich seit jeher beim Publikum großer Beliebtheit. Zum einen, weil viele international bekannte Schauspieler in ihnen mitwirkten; zum anderen, weil ab den 1950er Jahren das neue Cinemascope-Verfahren angewendet wurde, welches eine bessere Auflösung ermöglichte. Der erste in diesem Verfahren gezeigte Film war 1953 der Sandalenfilm „Das Gewand“. Er wurde 1954 mit zwei Oscars zum Preisträger des Academy Award of Merit, ebenso wie „Spartacus“ 1960 mit vier Oscars und „Cleopatara“ 1964, ebenfalls mit vier Oscars. „Ben Hur“ erhielt 1959 mit elf Oscar-Auszeichnungen die meisten Oscars, die jemals an einen Film verliehen wurden - die Kategorien „Bester Tonschnitt“ und „Bestes Make-up“ nicht miteingerechnet; diese kamen erst 1964 beziehungsweise 1982 hinzu und machten „Titanic“ (1998) und „Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs“ (2004) – zu den am meisten ausgezeichneten Filmen. Andere Sandalenfilme wie „Quo vadis?“(1951) und „Der Untergang des Römischen Reiches“ (1964) waren ebenfalls für den Oscar nominiert.

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US-amerikanische Filmbeispiele und Themenauswahl

Bei Hollywoodfilmen erfolgte in den 50er und 60er Jahren verstärkt ein Rückgriff auf griechische und römische Weltliteratur, also auf Bestseller der Antike, die in Drehbücher umgeschrieben wurden. So entstanden unzählige Filmvarianten von „Alexander der Große“ (Erstverfilmung 1956), „Spartacus“ (Erstverfilmung 1960) bis hin zu „Cleopatra“ (Erstverfilmung 1964). Die filmische Hauptfigur wird häufig danach ausgewählt, ob sie von ihrem Erscheinungsbild und ihrem Charisma ein Publikumsmagnet sein könnte. Entscheidend ist dabei, ob die Rolle des Protagonisten aus Sicht des Zuschauers positiv besetzt ist und ausreichend Unterhaltungsstoff bietet.

Denn die Kernzielsetzung des USamerikanischen Films ist eindeutig: Es müssen Geschichten erzählt werden, die Emotionen hervorrufen, den Zuschauer betroffen machen und ihn fesseln können. In diesem Zusammenhang haben auch die Filme mit christlich-religiöser Thematik aus römischer Zeit ihren Platz. Die 50er und 60er Jahre waren eine Hochzeit für die Verfilmung biblischer Geschichten, so etwa „Ben Hur“ (1959). Ganz im Sinne der paulinischen Theologie wird hier der Christ als Kämpfer verstanden, als Soldat Gottes gegen den Unglauben der Römer mit ihren vielen Göttern.

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Stilmittel des US-amerikanischen Films

Um das Interesse des Zuschauers zu binden, verwendet der US-amerikanische Film verschiedene Instrumente. Das erste ist das des Erzählers, der als Mittler zwischen Filmhandlung und Zuschauer steht, und zum Verständnis des Films beitragen soll. Dieses Mittel setzte sich vor allem in den vergangenen drei Jahrzehnten im realistischen Film durch, der an das ursprüngliche Geschichten-Erzählen des US-Kinos anknüpft, wie zum Beispiel „White Squall“ (1996), „If looks could kill“ (1996) mit Antonio Sabato Junior, „Große Erwartungen“ (1997) nach dem Roman von Charles Dickens oder auch „Liebe! Stärke! Mitgefühl!“ (1997). Ein zweites Mittel ist die Musik. Im typischen USFilm ist sie der rote Faden, der den Zuschauer durch den Film führt. Die Musik verstärkt Freude und Trauer, Romantik, Drama oder Tragik.

Manchmal, wie etwa bei „Robin Hood - Prince of the Thieves“ (1990), unterstreicht sie auch in ganz besonderer Weise die Filmhandlung: Indem im Abspann nochmals alle zentralen Filmszenen mit der dramatischen Musik von Bryan Adams vorgestellt werden, dringt jene Botschaft von Liebe und Gerechtigkeit im England von König Richard in die Seele der Zuschauer. Ein drittes Mittel ist der Einsatz von Hauptdarstellern mit sinnlich-charismatischer Ausstrahlung. Männliche Stars erwiesen sich als größere Kassenmagneten als weibliche, da regelmäßig mehr als fünfzig Prozent der Kinobesucher weiblich sind. Schon in den 50er Jahren und bis heute versteht sich das amerikanische Kino als Ort, an dem Frauen und Männer ihren Phantasien, Wünschen und Leidenschaften nachgehen können. Dies findet auch in den Sandalenfilmen seinen Ausdruck.

Während die Menschen der Antike sich damit zufrieden geben mussten, sich das körperliche Erscheinungsbild ihrer Helden auszudenken und idealtypisch in der Bildhauerei umzusetzen, bildete der US-amerikanische Film die Halbgötter durch echte Menschen ab. Beispiele hierfür sind „Herkules“ (1958), „Goliath und die Barbaren“ (1982), „The Blue Lagoon“ (1980) mit Christopher Atkins, „Studio 54“ (1998) mit Ryan Philippe, „The Velocity of Gary“ (1998) mit Thomas Jane, „Wanted“ (1999) mit Michael Sutton sowie „American Psycho“ (2000) mit Christian Bale.

Ein viertes Stilmittel des US-amerikanischen Films ist die monumentale Bildsprache, wie beispielsweise die Verwendung großartiger Landschaftsaufnahmen, die wie gemalt wirken können. Ein klassisches Beispiel hierfür aus jüngerer Zeit ist „Jenseits von Afrika“ (1985), dessen eindrucksvolle, kontrastreiche Landschaftsbilder unter Afrikas Sonnenhimmel von einmaliger Schönheit sind. Ein anderes Filmbeispiel, in dem auf Bilder der deutschen Romantik zurückgegriffen wird, findet sich in „The Winter Guest“ (1997) mit Emma Thompson, in dem Sonnenuntergänge gezeigt werden, die an Caspar David Friedrichs „Mondaufgang am Meer“ (1822) erinnern.

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Quo Vadis

„Quo Vadis?“ (1951) erzählt die Geschichte von General Marcus Vinicius. (Quelle: Warner Brothers)Größere Abbildung anzeigen

Ausrüstungen und Kampftechniken römischer Soldaten im Film

Eine wissenschaftliche Einordnung und Bewertung der Sandalenfilme verbindet sich heute mit neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft der Alten Geschichte und der Archäologie. Die Darstellung römischer Soldaten mit ihrer Ausrüstung und ihren Waffen in US-Filmen ist anfänglich meist nicht realitätsgetreu. Mit dem Wandel der Zeit sind die Darstellungen in den Filmen jedoch realistischer geworden. Gründe dafür sind vor allem die enormen Fortschritte aufgrund neuer Funde, die die Archäologie auf der einen Seite machte; und zum anderen die Weiterentwicklung der Filmindustrie. Viele bisherige Fehler hängen mit fehlerhaften oder lückenhaften Ergebnissen der Archäologie zusammen, sind mitunter aber auch selbstverschuldet, da nicht ausreichend recherchiert wurde.

Aber der archäologische Forschungsstand bezüglich der Ausrüstung der römischen Soldaten hat in den letzten 50 Jahren große Fortschritte gemacht. Neue Forschungsmethoden erlauben eine bessere chronologische Zuordnung und genauere Interpretationen des Gesamtkontextes mittels neuer Analyseverfahren. Zur Schutzbewaffnung der römischen Soldaten gehörten vor allem Helme, Körperpanzer und Schilde. Sie ist in US-Filmen unterschiedlich authentisch dargestellt. Überwiegend realistisch sind die Darstellungen der Körperpanzer, obwohl vor allem die älteren Filme unrealistische Schienenpanzer zeigen.

Diese sind oft zu klein (somit bieten sie auch zu wenig Schutz), haben zu wenig Schienen und manchmal auch anstelle der eisernen Farbe eine Messingfärbung - wie zum Beispiel in „Quo Vadis?“, (1951), der zur Zeit Kaiser Neros spielt. Kettenpanzer wurden meist von den Reitern (Kavallerie) getragen. In Filmen wie „Ben Hur“ beispielsweise tragen sie unbequeme Schienenpanzer oder Lederpanzer aus einem Stück, die so nicht durch archäologische Funde nachgewiesen werden können. Auch in dem zur Zeit Kaiser Tiberius spielenden Film „Das Gewand“ tragen Reiter und Soldaten Muskelpanzer, die damals eher selten waren. Schuppenpanzer hingegen gab es laut archäologischer Funde regelmäßig im römischen Militär, jedoch sind sie kaum in US-Filmen zu sehen. Die Schuppen der in „Quo Vadis“ dargestellten Schuppenpanzer wiederum sind viel zu groß.

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Die experimentelle Archäologie hat überdies nachgewiesen, dass man einem Gegner mit Körperpanzer, der zu Boden liegt, weder Lanze, Speer noch Schwert im Stehen durch den Panzer in den Körper stoßen kann. Diese Erkenntnis lässt viele Kampfszenen lächerlich wirken, beispielsweise eine Szene gegen Ende des Films „Gladiator“ (USA/GB, 2000), in der der Kaiser Commodus dem Gladiator vor dem Kampf mit einem Dolch erfolgreich durch den Körperpanzer in die Seite sticht. Die Unterschiedlichkeit der Helme ist am kuriosesten, obwohl gegenwärtige Filme wie der britische „Centurion“ (2009) bereits sehr realitätsnah sind. In den meisten Filmen tragen die Darsteller Mischformen aus griechischen und römischen Helmen, aber selbst im jungen Film „Gladiator“ sieht man im Amphitheater eine Person mit einem Wikingerhelm, den es erst etwa 700 Jahre später gab.

In den älteren Sandalenfilmen findet man vor allem Helme des attischen Typs aus griechischer Zeit - sehr auffallend etwa in „Cleopatra“; jedoch ebenso in jüngeren Historienfilmen, so dass dieser Typ Helm beim Publikum unbewusst wohl als der römischste Helm identifiziert wurde. Bessere Helmreproduktionen tragen etwa die Soldaten im Film „Spartacus“. Einige Exemplare darin sind weitestgehend authentisch. Je aktueller die Filme werden, desto realistischer sind jedoch die militärischen Darstellungen.

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Fazit

Die Stilfigur und die Filmrolle des römischen Kriegers und Soldaten faszinieren Zuschauer auch heute noch, wie es die Besucherzahlen des Films „Der Adler der neunten Legion“ (USA/GB 2011) eindrucksvoll belegen. Dieser Film stellt die römischen Kampftechniken und Rüstungen wohl bis heute am Besten dar. Auch wenn es noch kleine Fehler gibt, kann man sich hier einen guten Eindruck von römischen Kampftechniken der ersten Hälfte des zweiten, nachchristlichen Jahrhunderts verschaffen. Doch woher rührt das gegenwärtige Interesse an römischen Soldaten und worin liegt diese Popularität des Römischen Reiches in unserer Zeit begründet?

Mit der Rolle des römischen Soldaten verknüpfen sich menschliche Archetypen und Mythologien, also unbewusste Urerfahrungen, die auch in der Gegenwart von hoher Aktualität sind: der Kampf des Guten gegen das Böse, der Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit, Liebe und Leid, geschichtliche Wirklichkeit und gewünschte Phantasie sowie Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Moral und Werten. Diese Thematiken verdichten sich auf die Lebensbewältigung und den Lebenskampf des einzelnen Soldaten und des Zuschauers im Hier und Heute: Der Zuschauer identifiziert sich mit dem Bild des antiken Soldaten, weil er darin Facetten seines eigenen Lebenskampfes sieht. Zugleich fühlt er sich sicherlich auch vom „Glamour“ des Römischen Reiches, von Ruhm und Ehre, von Werten und Tugenden angezogen, vielleicht, weil dies in der Welt von heute eher weniger zum Tragen kommt, auch wenn das Verlangen und die Sehnsucht danach groß sind.

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Schließlich geht es um das Woher, Wohin und Wozu von Menschen, um das Selbstverständnis von Kriegern und Soldaten und um eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Identität in der Gegenwart. Antike Soldaten im Film – und darin liegt ihre Popularität bis heute – können Vorbilder für die Bewältigung des eigenen Lebens sein – für Zivilisten ebenso wie für Krieger und Soldaten. Selbstdisziplin, Verantwortung für sich und andere zu tragen, sowie ein positiver Kampfgeist sind Tugenden, die auch heute zählen. Jeder Krieg, jede Kampfhandlung führt aber auch zu inneren und äußeren Verletzungen, zu Niederlagen, zu Tod und Opfern, aus denen mitunter lebenslange Alpträume erwachsen können.

Mit der Figur des Soldaten in antiker Zeit verknüpft sich aber auch das Immer-wieder-Aufstehen-und- Weiterkämpfen – im Film wie in der Wirklichkeit des Lebens, ganz so wie der griechische Held und Soldat Achilles im Film „Troja“ (2004), der durch seine Tapferkeit Unsterblichkeit erlangen wollte. Dieser äußeren Dimension stehen innere Haltungen und Werte gegenüber, die im christlich-jüdischen Glauben wurzeln können, so wie bei Judah Ben-Hur im US-Film „Ben Hur“ und wie bei dem christlichen Ritter Balian im Mittelalterepos „Königreich der Himmel“ (2005).

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Andreas M. Rauch


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