Startseite Bundeswehr

Sie sind hier: Startseite > Themen > Bürger und Staat > 4/2011: BS1_Journalisten an der Front

Journalisten an der Front

Wenn irgendwo auf dieser Welt Konflikte, Krisen und Kriege ausbrechen, dann sind dort meist nicht nur Soldaten im Einsatz, sondern auch Journalisten. Auf eigene Gefahr. Oft genug bezahlen sie dies mit ihrem Leben wie jüngst der britische Fotojournalist Tim Hetherington in Libyen. Das alles ist schon seit mehr als hundert Jahren Fakt. Mittlerweile verbreiten sich ihre Bilder und Beiträge rasend schnell in alle Welt und beeinflussen damit unser Bild vom Schauplatz des Geschehens. Dieses Bild ist aber oft nicht deckungsgleich mit dem, welches auf Seiten der Streitkräfte gewünscht wird. (4/2011)

Sanitäter tragen Verletzten

Wo gekämpft wird, sind in der Regel auch Bilder von den Kämpfen, Soldaten und Verwundeten, wie hier nahe Kunduz, schnell in aller Welt präsent. (Quelle: Bundeswehr/von Söhnen)Größere Abbildung anzeigen

Der 18. Februar 2011 war für die Bundeswehr in Afghanistan ohnehin ein düsterer Tag. Im Observation Post North (OP North), einem schwer befestigten Außenposten in der Provinz Baghlan, eröffnete ein Afghane in Armeeuniform mit seiner Kalaschnikow das Feuer auf deutsche Soldaten, die gerade einen Marder- Schützenpanzer warteten. An den Schussverletzungen starben drei Deutsche, der Attentäter selbst wurde sofort von Soldaten erschossen. Wenig später erschienen dann auch noch weltweit Fotos, die Sanitäter beim Abtransport eines verwundeten Deutschen zeigten. Intern sorgte die Existenz dieser Bilder für Ärger. Wie konnte es geschehen, dass ein Journalist so schnell am Anschlagsort sein konnte; wie konnte zugelassen werden, dass diese Fotos überhaupt entstanden – und dann in kürzester Zeit auf Webseiten rund um die Welt auftauchten?

Das Pressefachpersonal des deutsch geführten ISAF-Regionalkommandos Nord musste sich, dem Vernehmen nach, ziemlich verärgerte Fragen aus Deutschland anhören. Wie es dazu kommen konnte, ist schnell erklärt. Die deutsche Fotografin Anja Niedringhaus, die für die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press arbeitet, begleitete als „Embedded Media Representative“ die in Kunduz stationierten US-Rettungshubschrauber. Sie saß in einem der „Forward MedEvac“-Helikopter vom Typ Black Hawk, die als erste zum OP North donnerten, als die Notfallmeldung einging.

Zitat

Ihre Fotos dokumentierten das dramatische Geschehen vor Ort – allerdings, und das ist das Entscheidende, ohne einen Verwundeten erkennbar abzubilden. Mit ihrer Arbeit befand sich Niedringhaus nicht nur in völliger Übereinstimmung mit den Medienregeln, den „Media Ground Rules“, der amerikanischen Armee – sondern auch im Einklang mit den Bestimmungen der ISAF, die als NATO- und Koalitionsregeln zunächst für alle beteiligten Nationen gelten.

Das Papier, das alle Journalisten vor der Begleitung von ISAF-Truppen unterzeichnen müssen, sieht für die Berichterstattung über Verwundete und Tote unter anderem vor: „Medien ist es nicht untersagt, über Verwundete und Tote („Casualties“) zu berichten, wenn folgende Bedingungen beachtet werden: Namen, Video, identifizierbare schriftliche oder mündliche Beschreibungen oder identifizierbare Fotos von verwundeten Soldaten werden nicht ohne die vorherige schriftliche Einverständniserklärung des Soldaten veröffentlicht. Falls der Soldat seiner Verwundung erliegt, gelten die Bestimmungen für die Zustimmung von Angehörigen.“

nach oben

Zitat

Die Bundeswehr allerdings,...

...das erklärt die deutsche Verärgerung, hätte die Fotografin vermutlich nicht so frei arbeiten lassen. In den ISAF-Regeln heißt es vor dem Absatz über die Berichterstattung über Verwundete und Tote auch einschränkend: „sofern der Presseoffizier oder der Kommandeur der jeweiligen Einheit nicht anders entscheiden“. Der Vorfall vom Februar und seine medialen Folgen machen augenfällig, wie weit selbst innerhalb eines Militärbündnisses wie der NATO der Umgang mit Medien im Einsatz auseinander klafft. Seit bald einem Jahrzehnt setzen vor allem die USA formalisiert auf das Instrument des „eingebetteten“ Journalisten, des „Embedded Reporter“ – während das von deutscher Seite, zumindest als Konzept, vehement abgelehnt wird.

Die – zum Teil eher kulturell als militärisch begründeten – Unterschiede beim Zugang von Medien zum Kriegsgeschehen haben nicht zuletzt historische Ursachen. Als erster Associated-Press-Reporter, der in einem Gefecht ums Leben kam, gilt Mark Kellog. Er ritt 1876 mit George Armstrong Custer in die Schlacht am Little Bighorn und teilte das tödliche Schicksal des Kommandeurs. Gut 70 Jahre später, am 22. Juli 1944, erschien in der amerikanischen Zeitschrift „Collier‘s“ eine Reportage unter der Überschrift „Reise in den Sieg“: „Keiner weiß mehr, wann die Schlacht von Silo war. Aber der Tag, an dem wir den Küstenabschnitt Fox Green einnahmen, war der 6. Juni, und der Wind wehte steif aus Nordwesten.

Wir näherten uns der Küste im Morgengrauen. Der Landungsprahm war 36 Fuß lang und sah aus wie ein Sarg.“ Der Autor: Ernest Hemingway. Auch wenn später angezweifelt wurde, dass der Schriftsteller tatsächlich die gefährliche Landungsoperation mitgemacht hatte – dass er mit den Truppen an der Front war, ist eindeutig. Den Zweiten Weltkrieg hindurch begleiteten amerikanische Reporter Soldaten in Einsätze, manche kamen nicht zurück: Joseph Morton, ebenfalls für Associated Press tätig, sprang zusammen mit amerikanischen „Intelligence“-Offizieren 1944 über der Slowakei ab, wurde von deutschen Truppen festgenommen und später im Konzentrationslager Mauthausen hingerichtet.

nach oben

Zitat

In den folgenden Kriegen...

...mit Beteiligung der USA, zum Beispiel in Korea, waren ebenfalls Journalisten (privater) Medienunternehmen dabei. Und natürlich in Vietnam, einem Krieg, von dem es – erstmals – hieß, dass dort mehr Reporter als Generale ums Leben kamen. Den zumindest zeitweise unregulierten Zugang der Presse hat der US-amerikanische Journalist, Schriftsteller und Drehbuchautor Michael Herr in seinem Buch „Dispatches“ beschrieben, das als Vorlage für den Film „Apocalypse Now“ diente: „‚Hey, was seid‘n ihr für Burschen, von der USO? Oh, wir dachten, ihr seid von der USO, weil eure Haare so lang sind.‘ Page knipste den Jungen, ich notierte die Worte und Flynn lachte und erzählte ihm, wir wären die Rolling Stones. Wir drei reisten den Sommer ungefähr einen Monat zusammen rum.

Bei einer LZ kam der Brigadehubschrauber rein, ein richtiger Fuchsschwanz baumelte an der Antenne runter. Als der Kommandeur an uns vorbeiging, kriegte er fast‘n Herzschlag. Grüßt ihr Männer keine Offiziere?‘ ‚Wir sind keine Männer‘, sagte Page, ‚wir sind Reporter.‘ Als der Commander das hörte, wollte er gleich für uns ‘ne spontane Operation schmeißen, seine ganze Brigade auf Trab bringen und ‘n paar Leute umlegen lassen. Wir mußten mit der nächsten Mühle wieder weg, um ihn davon abzuhalten, weiterzumachen, und wir staunten, was ‘n paar von ihnen für ‘n bisschen Druckerschwärze alles tun würden.“ Diese Schilderung ist vermutlich korrekt, doch war das Verhältnis zwischen dem US-Militär und den Reportern nicht grundsätzlich so spannungsfrei und ungeregelt wie hier dargestellt.

Nachdem 1965 ein CBS-Korrespondent berichtet hatte, wie US-Soldaten das vietnamesische Dorf Cam Ne niederbrannten, forderte US-Oberbefehlshaber General William Westmoreland, alle Reporter aus Kampfzonen zu verbannen. Dazu kam es nicht, doch die Militärbehörden erließen 1966 „Ground Rules“. In den Grundregeln war zum Beispiel festgelegt, dass Berichte über militärische Operationen niemals ohne vorherige Rücksprache mit der militärischen Führung veröffentlicht werden durften. Zudem verpflichteten die „Ground Rules“ die Journalisten darauf, bei ihrer jeweiligen Einheit zu bleiben. Recherchen hinter den feindlichen Linien waren untersagt. Ebenso wenig durften verwundete oder traumatisierte US-Soldaten interviewt werden. „Media Ground Rules“ - der Begriff deutet schon darauf hin, was in einem Konflikt Jahrzehnte später, Anfang der 1990er Jahre, den Umgang des US-Militärs mit der Presse bestimmen sollte.

nach oben

Doch zuvor noch ein Blick...

...auf das Verhältnis des deutschen Militärs zu den Medien: Das war, auch wenn diese Tatsache meist unberücksichtigt bleibt und von dunklen Beispielen überschattet wurde, selbst im ersten großen Konflikt des 20. Jahrhunderts gar nicht so schlecht – wohlgemerkt für ausländische Medien und vor dem Kriegseintritt der USA 1917, was Andreas Elters in seinem Buch „Die Kriegsverkäufe“ treffend beschreibt: „Am Anfang des Krieges schienen sich für die Neutralen, somit also auch für die US-Korrespondenten, die besten Möglichkeiten für die Berichterstattung auf der deutschen Seite zu ergeben.

Dies hatte im Wesentlichen zwei Gründe: Deutschland wollte sich der Welt gegenüber nicht ausschließlich als alleiniger Kriegsverursacher präsentieren und war daher an einer, wenn auch nicht immer positiven, dann doch zumindest neutralen, internationalen Presse interessiert. Außerdem konnten die Deutschen zu Beginn des Krieges eine Reihe militärischer Erfolge vorweisen und fühlten sich schon daher in einer überlegenen Position, die sie weltweit berichtet sehen wollten. Darum gab es für neutrale Korrespondenten auf deutscher Seite anfänglich vergleichsweise geringe Einschränkungen in Form von direkter Zensur.“ Dieser Zugang entfiel dann im weiteren Verlauf des Ersten Weltkriegs.

nach oben

Soldat in Somalia

Bei einem der ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr, UNOSOM II 1993 bis 1995 in Somalia, trafen die Soldaten noch recht unvorbereitet auf die Journalisten. (Quelle: IMZ Bw/Modes)Größere Abbildung anzeigen

Im Zweiten Weltkrieg...

...war auf deutscher Seite an eine unabhängige Medienberichterstattung von der Front nicht zu denken – die gab es noch nicht mal in der Heimat mit ihrer unter den Nazis gleichgeschalteten Presse. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im demokratischen System der Bundesrepublik Deutschland, gab es für die Bundeswehr zunächst keinen Grund, sich mit dem Problem einer Berichterstattung von der Front zu beschäftigen. Das (west)deutsche Militär stand für die Konfrontation zwischen Ost und West bereit, Auslandsmissionen gab es – abgesehen von unbewaffneten Hilfseinsätzen – nicht, und Operationen „out of area“, außerhalb des NATO-Bereichs, schienen vom Grundgesetz völlig ausgeschlossen: Der Frieden war der Ernstfall. Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Wegfall der Blockkonfrontation änderte sich im Medienumgang einiges – wenn auch die neuen Formen des Umgangs mit der Presse auf deutscher Seite zunächst von Unsicherheit gekennzeichnet waren und in den USA die Haltung vorherrschte, die Medien hätten zur amerikanischen Niederlage in Vietnam beigetragen.

Im amerikanischen Militär führte das zunächst zu einer recht restriktiven Haltung. Beim USEinmarsch 1991 nach der Besetzung Kuwaits durch den Irak sahen sich Reporter weitgehenden Einschränkungen ausgesetzt und konnten bei weitem nicht so frei recherchieren wie in Vietnam. Die ausführliche (Fernseh)-Berichterstattung nach dem Abschuss amerikanischer Hubschrauber in Mogadischu 1994, als die TV-Sender zeigten, wie die Leichen der Piloten durch die somalische Hauptstadt geschleift wurden, führte in den USA zu heftiger Medienkritik. Und die – oft riskante – Recherche auf eigene Faust war noch beim amerikanischen Angriff auf die Taliban in Afghanistan nach den Anschlägen des 11. September 2001 die Regel. Das änderte sich erst 2003, kurz vor dem absehbaren Krieg der USA gegen den Irak.

nach oben

Zitat

Im Februar 2003...

...legte das US-Verteidigungsministerium fest: „The Department of Defense (DoD) policy on media coverage of future military operations is that media will have long-term, minimally restrictive access zu U.S. air, ground an naval forces through embedding. Media coverage of any future operation will, to a large extent, shape public perception of the national security environment now and in the years ahead. (…) We need to tell the factual story – good or bad – before others seed the media with disinformation and distortions, as they most certainly will continue to do. Our people in the field need to tell our story – only commanders can ensure the media get to the story alongside the troops.

We must organize for and facilitate access of national and international media to our forces, including those forces engaged in ground operations, with the goal of doing so right from the start. (…) These embedded media will live, work and travel as part of the units with which they are embedded to facilitate maximum, in-depth coverage of U.S. forces in combat and related operations. Commanders and public affairs officers must work together to balance the need for media access with the need for operational security.“

Das Konzept der „Embeds“ musste sich kurz danach in der Praxis des Vormarschs auf Bagdad beweisen. Nicht nur Amerikaner, auch zahlreiche ausländische Korrespondenten nutzten diese Möglichkeit. Ungefährlich war es nicht – der deutsche „Focus“-Korrespondent Christian Liebig kam ums Leben, als eine irakische Rakete an einem Brigadegefechtsstand der US-Truppen einschlug. Kritik an der „Embedded Media“-Politik der USA gab es jedoch unabhängig von dieser Gefahr.

Die taz-Redakteurin Bettina Gaus, als ehemalige Afrika-Korrespondentin mit Kriegsgebieten vertraut, warnte: „Alle Reporter befinden sich in der Gefahr, die notwendige Distanz und die gewünschte größtmögliche Objektivität zu verlieren, wenn sie sich einer Konfliktpartei anschließen oder gar gemeinsam mit Kampftruppen in den Krieg ziehen. Zumal in einer derartigen Lage gelegentlich auch der beste Journalist nicht unparteiisch bleiben wird: etwa dann, wenn die Einheit, die er begleitet, in ein Gefecht verwickelt ist. Da steht eindeutig fest, welcher Seite er den Sieg wünscht. Schon im eigenen Interesse.“

Auch wenn Gaus‘ Argument grundsätzlich stimmt: Das Bild vom objektiven Reporter, der mit gleicher Distanz zu den Kriegsparteien über einen Konflikt berichtet, ist spätestens in Gefechtssituationen fraglich geworden. Zwar verließen sich im Irakkrieg 2003 die großen US-Networks und auch die britische BBC nicht allein auf ihre „Embedded Reporter“. Zusätzlich zu den Journalisten, die mit den Truppen unterwegs waren, reisten Teams auf eigene Faust – und Gefahr – durch das Land. Teilweise zum Ärger des US-Militärs, das solche „Unilaterals“ gar nicht gerne sah. Die Stärke der Berichterstattung vor allem der BBC war es, die Berichte aus verschiedenen Perspektiven zu kombinieren und einzuordnen.

nach oben

Patrouille

Mittlerweile sind Journalisten auf Patrouillen dabei, wie hier in Kunduz. Aber nicht auf eigene Faust, sondern von einem Presseoffizier begleitet. (Quelle: IMZ Bw/Kraft)Größere Abbildung anzeigen

Die Bundeswehr,...

...2003 bereits – wenn auch in einer deutlich friedlicheren Situation als heute – am Hindukusch engagiert, reagierte auf deutsche Medienanfragen nach „Embedding“ ablehnend. In den vorangegangenen zehn Jahren, seit dem ersten bewaffneten Nachkriegsauslandseinsatz deutscher Soldaten in Somalia, hatte sich die Truppe ein System des Umgangs mit der Presse erarbeitet. Auf der Rollbahn von Belet Huen 1993 hatte die Präsenz wartender deutscher Journalisten die ersten Bundeswehrsoldaten noch unvorbereitet getroffen. Während der deutschen Beteiligung an UNOSOM II dann wurden immer wieder Reporter von der Truppe eingeflogen und mit den Soldaten im Feldlager untergebracht.

In der Anfangszeit durften sie sogar die Satellitentelefone in der Operationszentrale für die Übermittlung ihrer Berichte nutzen, gegen Kostenerstattung natürlich. Diese Nähe gab es dann während der Balkan-Einsätze in den 1990er Jahren nicht mehr. Im Regelfall mussten deutsche Reporter, die über die Bundeswehr berichten wollten, sich selbst um ihre Unterbringung außerhalb des Camps kümmern und wurden zeitweise zu Besuchen bei Patrouillen und ähnlichen Gelegenheiten eingeladen. „In der Situation, in der die Deutschen waren, auf dem Balkan und anfangs in Afghanistan, gab es auch andere Möglichkeiten der Berichterstattung“, sagt Norbert Bicher, von 2001 bis 2005 unter dem damaligen Verteidigungsminister Peter Struck Leiter des Presse- und Informationsstabes im Ministerium.

Den von den USA belegten Begriff „Embedding“ habe sich die Bundeswehr zu Beginn dieses amerikanischen Programms 2003 bewusst nicht zu Eigen machen wollen: „Wir haben die Journalisten unterstützt, damit ihnen aktive Berichterstattung möglich wurde.“ Das Instrument des eingebetteten Reporters habe das Ministerium „als eine Einschränkung von journalistischer kritischer Berichterstattung“ abgelehnt. Allerdings, räumt Bicher ein, war das Umfeld des Einsatzes deutscher Soldaten nicht vergleichbar mit der Situation in Irak. „Wir konnten uns den Luxus erlauben, kein ‚Embedding‘ zu machen.“ An ihrer Ansicht halten Verteidigungsministerium und Bundeswehr bis heute fest. Allerdings stellt sich die Frage, ob es realistisch ist, dass Journalisten in Kriegsgebieten wie Afghanistan tatsächlich völlig eigenständig reisen, recherchieren und aus ihnen berichten.

Zwar gibt es Reporter, die das tun – überwiegend allerdings für Hintergrundberichte über das Land und weniger über Truppeneinsätze und Gefechte. Mittlerweile sind immer wieder deutsche Journalisten mit der Bundeswehr am Hindukusch unterwegs. Da es kein „Embedding“ gibt, können sie nur – so die offizielle Lesart – in Begleitung eines Presseoffiziers Truppenteile besuchen. Eine längerfristige Begleitung von Einheiten, gar wie bei den US-Streitkräften möglich über Wochen oder gar Monate, ist weder vorgesehen noch praktisch machbar. Die Manndeckung durch Pressefachpersonal der Bundeswehr, im Einsatz ohnehin eine Mangelressource, lässt solche Langfristprojekte kaum zu. Allerdings verschwimmen die Grenzen.

nach oben

Zitat

Der „Spiegel“-Redakteur...

...Takis Würger begleitete im Sommer 2011 eine Einheit in Afghanistan: „Die Recherche für diese Geschichte begann im Frühjahr mit Gesprächen, EMails und Telefonaten. Es musste verhandelt werden, ob es möglich sei, als „Embedded Journalist“ über die Bundeswehr zu berichten. „Embedded“, eingebettet, bedeutet in diesem Fall, mit einer Kampftruppe in den Krieg zu ziehen. Die Bundeswehr hatte damit kaum Erfahrung, aber sie willigte ein. Die Reise dauerte drei Wochen, sie wurde begleitet von einem Presseoffizier, der bei den meisten Gesprächen mit den Soldaten zuhörte. Zensur fand nicht statt.“ Das Verteidigungsministerium widerspricht dem vehement. „Er war nicht ‚embedded‘“, heißt es aus dem Presse- und Informationsstab. Wie allgemein üblich, sei der Journalist „punktuell auf Patrouillen mitgenommen worden, damit er ein realistisches Bild bekommt“. So werde gesichert, dass es „keinerlei Abhängigkeit“ des Reporters von der Bundeswehr gebe und die objektive Berichterstattung sichergestellt sei.

nach oben

Zitat

Die offiziellen „Media Ground Rules“...

...der internationalen Schutztruppe für Afghanistan spiegeln nicht zuletzt diese von Deutschland – und vielleicht auch anderen Nationen – vertretene Haltung wider. Im Gegensatz zu den Regeln des US-Militärs ist dort nicht von „Embedded Media“, sondern von „Accommodated Media“ die Rede, und die faktische Eingliederung in eine militärische Einheit wird nicht erwähnt. Langfristig wird sich jedoch auch für die Bundeswehr die Frage stellen, wie die Zeugenschaft der Medien – und darum geht es letztendlich – auch in den verschiedenen Einsätzen sichergestellt werden kann, deren feindliches Umfeld unabhängige Recherche unmöglich macht. Dann wird es möglicherweise um die Alternative gehen, ob Reporter doch „embedded“ die Truppen begleiten – oder für ihre Berichterstattung letztendlich über das sichere Umfeld eines rückwärtigen Gefechtsstandes nicht hinauskommen.

nach oben


FußFzeile

nach oben

Stand vom: 04.12.13


http://www.if-zeitschrift.de/portal/poc/ifz?uri=ci%3Abw.bwde_ifz.themen.buerger_staat&de.conet.contentintegrator.portlet.current.id=01DB131200000001%7C8PRBXL286DIBR