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Erwin Rommel – Bitte mehr Sachlichkeit!

Historische Themen haben im Fernsehen Konjunktur. Geschichtsdokumentationen in privaten wie in öffentlich-rechtlichen Sendern belegen dies. Sie bergen jedoch die Gefahr, der Quoten wegen allzu holzschnittartig zu werden. Ein Beispiel: Die Sendungen „Rommels Krieg“ und „Rommels Schatz“ im ZDF und bei Phoenix. – Ein persönlicher Appell, mehr Objektivität walten zu lassen.

Grundlage für die zweiteilige „Geschichtsdoku“ über Generalfeldmarschall Erwin Rommel mag die Arbeit „Mythos Rommel“ von Maurice Philip Remy sein. An dieser Sendung wird die Schwierigkeit deutlich, in zweimal 45 Minuten ein auch nur im Ansatz gerechtes Psychogramm einer Persönlichkeit wie Rommel zu entwickeln. Die Einbeziehung seiner gesamten Biographie, der politische Hintergrund seiner Zeit und sein militärischer Werdegang würden zu einem ausgewogeneren Urteil führen. Die Aussagen der militärischen Zeitzeugen sind, trotz ihrer dienstlich-persönlichen Nähe zum Kommandierenden General in Afrika, sehr einseitig. Ich kenne persönliche Berichte von Afrika-Kämpfern, die Rommels soldatische Härte genauso wahrnahmen. Vor dem Hintergrund seiner Verantwortung als Heerführer, seiner soldatischen Mentalität und labilen Gesundheit ordneten sie diese jedoch objektiver ein. Das Interview mit dem schwerkranken Sohn Rommels, vielleicht um der Vertiefung des sachlichen Anspruchs der Sendung wegen, halte ich für bedenklich – nicht nur wegen der insgesamt negativen Beurteilung Rommels als unterschwelliges Resultat der Sendungen.

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Es gab keinen Krieg Rommels

Im TV-Magazin des „STERN“ heißt es zu dieser „Geschichtsdoku“: „Die Doku räumt auf mit dem Rommel-Mythos und schildert erstmals das Schicksal der jüdischen Gemeinden in Libyen.“ Was wollte diese Sendung nun? Das von den SS-Einsatzgruppen bedrohte Leben der Juden in Libyen aufzeigen, was nach Aussage der befragten Miltärhistoriker Rommels Thema nicht war. Bezogen auf die Behandlung gefangener jüdischer Freiwilliger, die auf britischer Seite gekämpft hatten, handelte er trotz politisch scharfer Befehlslage als Soldat: Er beurteilte diese Männer nach dem Kriegsvölkerrecht als Kriegsgefangene. Oder will man Rommels bisher anerkanntes und militärhistorisch durchaus differenziert beobachtetes Ansehen als Mensch und Soldat ins Negative korrigieren? Es gab keinen „Krieg Rommels“. Es gab den Afrika-Feldzug Hitlers und Rommels militärischen Auftrag, den er auf einem geographisch völlig anderen Kriegsschauplatz mit dem ihm eigenen Führungsstil zu lösen versuchte. Der afrikanische Kriegsschauplatz war für Propaganda und Presse besonders interessant – und mit ihm der Kommandierende General.

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„Vergießt Schweiß, aber kein Blut“

Erwin Rommel war ein erfahrener, hoch dekorierter Troupier aus dem Ersten Weltkrieg, kein politisch denkender Mensch oder strategischer Denker. Ein willensstarker Schwabe, aus gutbürgerlicher, streng protestantischer Familie; der Vater war Gymnasialrektor. Er war kein Generalstäbler, hatte nach Beurteilung seiner frühen Vorgesetzten Führungs- und taktische Begabung mit besonderem Blick für die Möglichkeiten des Geländes. Als Taktiklehrer in Dresden war einer seiner Lehrsätze „Vergießt Schweiß, aber kein Blut“. Er forderte von allen Soldaten bis zum General in seinen jeweiligen Führungsbereichen ganzen Einsatz, dem er sich selbst stellte. Das waren auch die Gründe, warum Hitler ihn vorzog. Der hatte aus seiner Sicht des Gefreiten und Meldegängers im Ersten Weltkrieg im Laufe der Zeit ein immer tieferes Misstrauen in die politische Zuverlässigkeit der Generalität und des Generalstabs entwickelt. Ihre Lagebeurteilungen waren ihm nach den Blitz-Siegen in Polen und im Westen zu „defätistisch“.

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Führung von vorn

Was die Eitelkeit Rommels angeht, die in der ersten Sendung stereotyp nach vorn gestellt wird: Man sollte ihm den Stolz auf seine soldatische Leistung, sein daraus gesteigertes Selbstbewusstsein und, damit verbunden, auch seine Eitelkeit nicht so negativ anhängen. Sie hat ihm im Kameradenkreise der Generalität, die zum großen Teil aus der Adels-Erziehung und dem Großbürgertum kam, sicherlich geschadet. Das mindert jedoch nicht seine soldatische Leistung. Nicht nur die deutsche Militärgeschichte kennt Feldherren, die sich mit ihren Erfolgen öffentlich zeigten oder zeigen ließen. Die Feldmarschälle und Generale der Gegner, wie etwa Bernard Law Montgomery, Douglas McArthur und Georgi Shukow sind Beispiele, und auch heute ist der Jahrmarkt der Eitelkeiten, auch in der Politik, nicht gerade unbelebt. Rommel war ein genauer, zupackender Taktiker und Operateur. Sein „Führen von vorn“ hat Tücken. Es setzt genaue Kenntnis und Bestimmen der Situation voraus, wann von vorn zu führen ist. Die Gefahr, bei der Führung schneller gepanzerter Großverbände trotz eines guten Stabes und stehender Funkverbindungen die Übersicht zu verlieren und Befehlsüberschneidungen zu verursachen, ist gegeben. Trotzdem hat Rommel mit seinem Führungsstil und offensiven Denken im Ersten und Zweiten Weltkrieg beeindruckende Erfolge gehabt. Wir, unsere westlichen Alliierten, der Warschauer Pakt und auch die Israelischen Streitkräfte haben sie analysiert und in ihre Führerausbildungen eingebracht: Engstes Zusammenwirken zwischen mechanisierten Truppen und der Luftwaffe im Drang nach vorn, ständige Gefechtsaufklärung und Schnelligkeit in der Beurteilung der Lage und bei der Umsetzung des Entschlusses.

Hitlers Politik mit Judenvernichtung und Krieg war verbrecherisch. Rommel verstand sich, wie die Mehrzahl seiner Kameraden, als Soldat und militärischer Führer. Bei seinen westlichen Gegnern (er führte nie im Osten) erwarb er sich schnell den guten Ruf als fähiger und fairer Soldat. In der militärgeschichtlichen Literatur wird das sichtbar.

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Zweifel an Hitlers Unvermögen

Warum wollten die Engländer ihn in Afrika kidnappen oder gar töten? Weil er ihre Führungsfähigkeiten in den Schatten stellte. Erst mit Feldmarschall Montgomery trat ein ebenbürtiger Gegner gegen das schon ausgelaugte Afrika-Korps auf den Plan. In dessen Befehlswagen hing ein Foto von Rommel.

Die Zweifel an Hitlers militärstrategischem Unvermögen wurden Rommel erst ab Ende 1942 nach seinem klaren und unerbetenen Lagevortrag im Führerhauptquartier bewusster – im Zusammenhang mit der sich abzeichnenden Niederlage des Afrika-Korps. Sie brachten ihn Ende 1943, als Verantwortlichen für die Befestigungen an der Kanalküste gegen eine alliierte Invasion, in Berührung und in die Nähe des militärischen Widerstands gegen das Regime. Das führte, nach schwerer Verwundung in der Normandie und nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, zu seinem von der nationalsozialistischen Führung erzwungenen Selbstmord. Ohne diesen wäre er, wie alle Widerstandskämpfer, hingerichtet und seine Familie der Sippenhaft überantwortet worden.

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Tod des Wüstenfuchs

Rommels Tod wurde als „Folge seiner Verwundung“ verkündet, verbunden mit einem Staatsbegräbnis. Die Nazi-Propaganda konnte die Wahrheit nicht zulassen, dass dieser im Volk beliebte und bei den westlichen Gegnern geachtete Generalfeldmarschall denen nahe stand, die sich gegen Hitler und sein Regime gestellt hatten.

Dieser letzte Abschnitt von Rommels Biographie fand in der Folgesendung „Rommels Schatz“ kurze Erwähnung. Ebenso wie die Tatsache, dass Rommel mit der verbrecherisch-kriminellen Einbringung und dem Verschwinden des Schatzes nichts zu tun hatte. Der Titel dieser zweiten Sendung „Rommels Schatz“ suggeriert jedoch gerade Rommels Verknüpfung mit dem Geschehen. Mit solcher „Machart“ werden der soldatische Ruf und die menschliche Würde Rommels in ein Zwielicht gerückt, das nicht nur militärgeschichtlich bedenklich ist.

Ich teile daher auch nicht die Meinung der Vorbesprechung dieser Sendefolge in der „WELT“ vom 29. Mai 2007: „Schon der erste Teil über Rommels Krieg überzeugte durch seriöse Urteile und interessante Machart“, weil letztere die seriöse Aussage der Dokumentation überdeckte. Mit dem Wissen von heute und in demokratischer Freiheit lebend bleibt es eine geistige Herausforderung, das Denken und Handeln von Menschen mit ihren Stärken und Schwächen in der politischen Entwicklung ihrer Zeit objektiv und gerecht zu beurteilen, besonders im Übergang von der wilhelminischen in die Epoche des Nationalsozialismus. Die Dokumentation unserer Geschichte in den Medien hat für den interessierten Bürger großen Wert. Die Gefahr, um der Spannung und Zuschauerzahl willen eine zu einseitig-subjektive Betrachtungsweise und Darstellung im medialen Geschichtsunterricht zu entwickeln, sollten die Verantwortlichen spüren und vermeiden.

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Politisches Bewusstsein

Als aktiver Soldat der Bundeswehr von 1956 bis 1991, der das Werden der Inneren Führung mit erlebte und von ihr überzeugt ist, weist für mich das Thema Rommel zusätzlich auf das Spannungsverhältnis zwischen politischem Auftrag und soldatischem Handeln hin. Unsere Forderung nach dem politisch mitdenkenden Staatsbürger in Uniform, unsere Gesetzgebung mit Grund-, Soldatengesetz und Wehrdisziplinarordnung und die Kontrolle des Parlaments berücksichtigen die Lehren besonders aus unserer jüngsten Geschichte: Die Verantwortung des militärischen Führers nicht nur als Soldat, sondern gleicherweise als Staatsbürger.

Dieser hohen Verantwortung muss sich der politische Auftrag für den Einsatz in demokratischer, logischer Schärfe erklären. Deshalb bedarf er vor Erteilung überzeugender politischer Analyse unter rechtzeitiger Einbeziehung des militärischen Sachverstands. Das Handeln des Soldaten in rechtsstaatlichem Auftrag findet dort seine Eingrenzung und Verpflichtung, wo demokratische und völkerrechtliche Normen es gebieten.

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Autor:
Siegfried F. Storbeck, Jahrgang 1932, Generalleutnant a.D., war 1987 bis 1991 Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr.

Zusammenfassung:
Die Dokumentationen „Rom­mels Krieg“ und „Rommels Schatz“ haben kein auch nur an­satzweise gerechtes Psychogramm des Kommandierenden Generals im Afrikafeldzug entwickeln können. Stattdessen wird unterschwellig eine negative Beurteilung Rommels assoziiert, ohne seine gesamte Biographie, den politischen Hintergrund seiner Zeit und seinen Werdegang hinreichend einzubeziehen. Rommel erscheint in einem Zwielicht, das nicht nur militärgeschichtlich bedenklich ist.

Quellen:
ZDF-Sendung „Rommels Krieg“ am 22. und „Rommels Schatz“ am 29. Mai 2007.

Literaturhinweise:

Alun Chalfont, Feldmarschall Montgomery, der Gegner von Rommel, Berlin 1991.

David Fraser, Rommel – Die Biographie, Berlin 2000.

Maurice Philipp Remy, Mythos Rommel, München 2002.

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Siegfried F. Storbeck


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