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Adrenalin und Langeweile

Carsten Stormer begleitete Stephen Warren vom 509. Infanterieregiment bei seinem Kriegseinsatz in Afghanistan. Mitten unter den US-Soldaten lebte Stormer im Außenposten Camp Tillman im östlichen Paktika nahe der pakistanischen Grenze und bekam hautnah die Gefahren mit. „Embedded“, aber ohne journalistische Scheuklappen, durfte er sich dort bewegen. Das Ergebnis: eine packende Reportage und die Beantwortung der Frage, was „embedded journalism“ wirklich leisten kann. (4/2011)

Soldaten an einer Felswand

„Embedded“ mit US-Soldaten in der afghanischen Unruheprovinz Paktika (Quelle: U.S. Army/Scar)Größere Abbildung anzeigen

Für Stephen Warren ist es der erste Kriegseinsatz, und den hat er sich ein bisschen anders vorgestellt. Wir treffen den Gefreiten auf seinem Außenposten auf der Kuppe eines Berges. Es ist Nacht und Warren blinzelt in die Dunkelheit, ein Nachtsichtgerät vor seine Augen geklemmt. Sechshundert Meter unter ihm im Tal liegt Camp Tillman, eine kleine Festung aus Stacheldraht und Beton, östlichster Posten der Amerikaner in Afghanistan und für zwölf Monate Stützpunkt von achtzig US-Soldaten. Auf der anderen Seite der zackigen Berggipfel, nur zwei Kilometer von Warrens Posten entfernt, liegt die pakistanische Unruheprovinz Waziristan, das Rückzugsgebiet der Taliban und Drehscheibe des internationalen Terrorismus.

Es ist kalt hier oben, von Süden zieht ein Gewitter heran und Stephen Warren schlingt sich seinen Poncho enger um den Körper. Seit Tagen hockt er schon hier mit sechs Kameraden auf 2.600 Metern Höhe, schiebt Wache und beobachtet die Bewegungen der Taliban. Warren würde sie gerne beschießen, aber das darf er nicht, die Regeln der Internationalen Schutztruppe (ISAF), unter deren Führung die US-Soldaten in diesem Teil Afghanistans stehen, verbieten das. Nur wenn sie angegriffen werden, dürfen die Soldaten zurückschießen. Es ist ein asymmetrischer Krieg, ein Schattenboxen ohne greifbaren Gegner. Es hat eine Weile gedauert, bis wir zu diesem gottverlassenen Außenposten gelangt sind.

Wir sind als Reporter „embedded“ in der Einheit von Stephen Warren; also als Beobachter auf eigenes Risiko im Krieg. Über die Vor- und Nachteile von „Embedded Journalism“ ist seit dem Beginn des Krieges in Afghanistan viel diskutiert worden. Man könne nur einseitig berichten. Richtig! Aber welche Alternative gibt es? Ein paar Verrückte haben es geschafft, die Taliban zu begleiten und berichteten hinterher, dass sie ständig um ihr Leben fürchten mussten. Ein Reporter der New York Times wurde von den Taliban entführt und über ein Jahr lang festgehalten; in ständiger Todesangst.

Der andere Vorwurf: Man sei zu nahe am Geschehen und den Soldaten, über die man berichtet - objektive Berichterstattung sei daher unmöglich. Falsch! Es ist nur menschlich, dass man sich in Gefechten mit den Menschen solidarisiert, mit denen man zusammen ist. Aber es ist eine Charakterfrage, ob sich der Journalist instrumentalisieren lässt, oder seine persönlichen Empfindungen aus der Berichterstattung heraushält. Der deutsche Journalist Wolfgang Bauer hat, unterwegs mit US-Soldaten, berichtet, wie ein Gefangener, der verdächtigt wurde, ein Taliban zu sein, während des Verhörs mit dem Tod bedroht wurde.

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Fakt ist,...

...„Embedded Journalism“ ist die einzige Möglichkeit, direkt von der Front zu berichten. Und die USArmee, im Gegensatz zu anderen ISAF-Truppenstellern, macht es Reportern einfach, diese Möglichkeit zu nutzen. Alles was ein Journalist benötigt, ist Mut, viel Zeit, eine schusssichere Weste und einen Helm. In Afghanistan angekommen, unterschreibt man ein Dokument, in dem man die US-Armee von jeder Verantwortung entbindet, sollte man verletzt oder gar getötet werden. Und man verpflichtet sich, keine Details zu berichten, die Soldaten oder Missionen gefährden könnten. Ist man erstmal an der Front, fällt Zensur ohnehin flach. Kein Presseoffizier schaut einem Journalisten auf die Finger oder flüstert Gesprächspartnern Antworten vor – auch ein Unterschied zu anderen Armeen.

Und die Soldaten sind ohnehin mit anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt. Am Leben zu bleiben, zum Beispiel. „Embedded Journalism“ ermöglicht einen ungefilterten Blick auf eine Situation in einem Mikrokosmos; ohne den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, oder darauf, den Krieg erklären zu wollen. Man kann über Gefechte berichten, über das Leben von Soldaten im Krieg. Viel mehr allerdings nicht. Eines der eindrücklichsten Beispiele ist die Dokumentation „Restrepo“ des amerikanischen Journalisten Sebastian Junger oder dessen Buch „War“, in denen das Leben von Soldaten an der Front geschildert wird; über die Schönheit und Schrecken des Krieges, und darüber, was Krieg aus jungen Männern macht, die plötzlich töten müssen.

Um angemessen aus einem Krieg zu berichten, braucht ein Journalist vor allem eines: Zeit, viel Zeit. Oft wartet man tagelang, bis man auf einen Hubschrauber oder eine Herkules- Maschine aufspringen kann. Vor Ort dauert es wiederum, bis die Soldaten soweit Vertrauen zu einem Reporter gefasst haben, dass sie ihn – im besten Fall – gar nicht mehr wahrnehmen. Nur so kommt man an unverstellte Beobachtungen, und nur so kann man dem Leser oder Zuschauer in der Heimat vermitteln, was im Kampfgebiet tatsächlich geschieht. Auch auf das Risiko hin, dass die gemachten Beobachtungen nicht schmeichelhaft sind.

Alles andere, zeitliche Einschränkungen, halbgare Frontbesuche, vom Presseoffizier eingeflüsterte Dialoge oder organisierte Kriegssafaris, wird als Lüge wahrgenommen. Schlimmer noch, als Propaganda. Als Zuckerguss über die hässliche Realität des Krieges. Immerhin hat die USArmee erkannt, dass selbst kritische oder schlechte Presse besser ist, als den Medien den Zugang zur Truppe zu beschneiden. Im besten Fall ergeben die Berichte und Reportagen ein weiteres Teil eines Puzzles, das irgendwann einmal zu einem Bild über Afghanistan zusammengesetzt wird.

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„Die Taliban benutzen uns...

...zum Übungsschießen. Das ist Bullshit”, sagt Stephen Warren frustriert, eine feine Staubschicht liegt auf seinem Gesicht und er hat dunkle Ringe um die Augen. Warren, ein Fallschirmspringer vom 509. Infanterieregiment aus Fort Richardson in Alaska, sieht älter aus als seine 22 Jahre. Wegen seiner sonnenverbrannten Haut und seiner roten Haare nennen ihn seine Kameraden „Red“. Er ist nach Afghanistan gekommen, „um den Leuten zu helfen und Taliban zu töten“, erzählt er uns, und dass er vom Krieg enttäuscht ist. Statt Terroristen zu jagen, „schütteln wir Hände und verteilen Bonbons.“ Er hat es satt, nett sein zu müssen, „dafür bin ich nicht ausgebildet”, sagt er und zeigt auf die Silhouette einer Bergkette. Dort gibt jemand mit einer Lampe Lichtzeichen: an, aus, an, aus. Pause.

Einige Kilometer weiter südlich blinkt es zurück. So geht das die ganze Nacht. „Natürlich wissen wir, dass dort die Taliban sitzen und Anschläge vorbereiten“, sagt Warren. „Nur dürfen wir nichts dagegen unternehmen, solange wir nicht hundertprozentig sicher sind, dass es sich um Feinde handelt. So ist die Vorschrift.“ Die Extremisten beschränken sich auf ihre erfolgreiche Guerillataktik. Sie sickern auf Schleichwegen und Eselspfaden nach Afghanistan ein, verscharren Minen auf Wegen, auf denen US-Amerikaner patrouillieren, verstecken Sprengfallen am Straßenrand, schicken Selbstmordattentäter los oder töten Regierungsangestellte, Polizisten und Lehrer, die sie für Kollaborateure halten.

Anschließend schlüpfen sie zurück auf pakistanisches Territorium. Hier ist die Zeit nur Mühsam vorangekommen. Die unwegsamen Berge der Provinz Paktika sind das Operationsgebiet einer Allianz des Schreckens: Taliban, die Hisb-i-Islami Kämpfer des Kriegsfürsten Gulbuddin Hekmatjar sowie die Gefolgsleute des Siraj Haqqani.

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Soldaten beim Schlafen

Wie Stephen Warren nutzen auch seine Kameraden der 172. Infanteriebrigade jede Operationsruhephase zum „Power-napping“, um ihre Akkus aufzuladen. (Quelle: U.S. Army/Scar)Größere Abbildung anzeigen

Der Gefreite Warren...

...lädt sein Sturmgewehr durch. Einmal hat er einen Feind im Gefecht getötet, erzählt er. Regen läuft ihm über das Gesicht. Da habe er sich zum ersten Mal nützlich gefühlt. Eine Gruppe Taliban hatte einen Hinterhalt geplant und griff mit Panzerfäusten, Mörsergranaten und Schnellfeuergewehren seine Patrouille an. Die Islamisten lagen auf einem Hügel verschanzt und beschossen Warrens Patrouille, als sie durch das Dorf Munios fuhr. Warren ging hinter einem gepanzerten Truppentransporter in Deckung und nahm mit dem Zielfernrohr seines M-14-Sturmgewehrs einen der Kämpfer ins Visier – und drückte ab.

„Ich habe dem Kerl zwei Mal in die Brust geschossen.“ Angst? Nein, aufregend sei es gewesen. Reue, einen Menschen getötet zu haben? Auch nicht, „immerhin wollten die uns töten. Ich habe nur meinen Job gemacht.” Gesehen hat er den Leichnam nicht. Die Taliban nehmen ihre Toten mit, um sie sofort zu begraben, so will es der Brauch. Das Blut, den Geruch des Todes, hat Warren nicht erlebt. Seit diesem Tag jedoch kämpft Warren nur noch gegen Kamelspinnen, Ratten, Mücken und Langeweile. Jeder Tag ist gleich auf Warrens Posten. Aufwachen mit den ersten Sonnenstrahlen, Wache schieben, Frühstück aus Tüten. Gewehr zerlegen, reinigen, wieder zusammenbauen. Kaffee trinken, Gewichte stemmen, Übungsschießen, Kopf ausschalten. Immer dieselben Klamotten, tagein, tagaus, monatelang.

Manche hatten noch nie eine feste Freundin, erleben aber schon ihren zweiten oder dritten Kriegseinsatz. Halbe Kinder noch, 19, 20, 21 Jahre alt. Nachts Wachablösung alle zwei Stunden, zwischendurch spielen sie „Risiko“ oder daddeln auf der Playstation, erzählen sich immer dieselben Heldentaten, jedes Mal mit ein bisschen mehr Dramatik gepfeffert. Ein sinnloser Versuch, Einsamkeit und Langeweile auszutricksen. So vergehen die Tage. Morgen ist wie heute, wie gestern, wie immer. Welcher Tag und welcher Monat ist heute? Egal! Die Soldaten wissen es nicht. Es spielt auch keine Rolle. Es ist Krieg, und der bestehe eben zu 95 Prozent aus Zeit-totschlagen – „die restlichen fünf Prozent sind pures Adrenalin, weil man in denen sterben kann.”

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Das Lagerleben ist eng,...

...jede Bewegung öffentlich. Eine Qual, wenn die Routine die Zeit nicht mehr ausfüllt. In Camp Tillman schlafen drei oder vier Soldaten auf einer Bude, ein paar Quadratmeter, nur durch einen Vorhang oder dünne Spanplatten getrennt – für Privates bleibt kein Platz. Nie kann man ungestört mit der Freundin telefonieren, sich streiten oder Liebesworte zuflüstern, ohne dass die halbe Kompanie zuhört. Frust und Ärger schluckt man herunter, niemand interessiert sich dafür. Ablenkung gibt es kaum: Alkohol und Pornografie sind verboten, weil das schlecht für die Moral sei.

Nicht einmal einen Platz gibt es, wo man in Ruhe onanieren kann. Nachts, wenn der Körper müde und der Geist wach ist, ist jeder mit seinen Gedanken allein. Dann fangen die Filme im Kopf zu spulenan. Bilder von Zuhause oder von Kameraden, die Arme, Beine, ihr Augenlicht, ihren Verstand oder ihr Leben verloren haben, erzählt ein Soldat. Im Gemeinschaftsraum des Lagers brüllt ein Sergeant in ein Telefon, dass sie „kein Recht hat Schluss zu machen, nicht jetzt, nicht hier”, legt auf und vergräbt das Gesicht in die Handflächen, als wolle er seine Erinnerung schützen.

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Fünfzig Kilometer nördlich...

...von Camp Tillman wuchtet sich Sergeant Dick Plank seinen Rucksack auf den Rücken. Wir stehen auf dem Gipfel eines Berges und blicken auf die Straße, die in das Örtchen Zerok führt. Die Soldaten nennen diese Straße „ambush alley“: Die Straße der Hinterhalte, einen halben Kilometer langes Stück Schotterstraße, umflankt von Bergen und Hügeln. Ein idealer Ort für einen Hinterhalt. „Sie greifen uns jedes Mal an, wenn wir hier durchfahren”, sagt Plank, ein dreißigjähriger Hüne, der aussieht wie ein Preisboxer. Vom langen Aufstieg hat der Kalifornier rote Flecken im Gesicht, die Uniform ist von Schweiß und Regen durchtränkt. Seit Stunden patrouillieren wir durch endlose Latschenkiefern- und Blautannenwälder, wandern über steile Bergkämme und durch ausgetrocknete Wadi.

Die Soldaten tragen fünfzig Kilogramm Gepäck auf dem Rücken: Munition, Granaten, Funkgeräte, Wasser und Essensrationen für drei Tage. Sie sind erschöpft. Der Tag besteht nur aus marschieren, essen, schlafen im Freien unter Bäumen; dann beginnt die Strapaze von neuem. Die sieben Soldaten in Sergeant Planks Einheit haben die schroffen Berge Nord-Paktikas erklommen, um einen Versorgungskonvoi in den Außenposten Camp Zerok zu schützen.

Das Lager hat nach unzähligen Gefechten und Scharmützeln mit den Taliban kaum noch Munition, Brennstoff und Verpflegung. Mehrere Einheiten US-Soldaten beziehen auf den umliegenden Gipfeln Position und laufen Patrouillen durch die Wälder, bewaffnet mit Sturmgewehren, Granatwerfern und Panzerfäusten. Die Gefahr ist zur Routine geworden. Unten im Tal wartet der Konvoi auf das Signal zur Weiterfahrt; dreißig Lastwagen und Truppentransporter, die aussehen wie gepanzerte Möbeltransporter. Am Himmel surren Aufklärungsdrohnen.

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Soldat und Apache

Apache-Kampfhubschrauber sind bei den Operationen in der Unruheprovinz Paktika zur Aufklärung und zum Schutz ein ständiger Begleiter der US-Soldaten. (Quelle: U.S. DoD/Whitney)Größere Abbildung anzeigen

Die Taliban...

...beobachten aus ihren Verstecken jeden Schritt der USSoldaten und die hören den Funkverkehr der Islamisten ab, die ununterbrochen in ihre Funkgeräte plappern. Abraham, der afghanische Dolmetscher übersetzt für die Soldaten ins Englische. Schon beim Aufstieg hören wir, dass die Taliban zwei Angriffsteams mit jeweils zehn Mann irgendwo in den Bergen positioniert haben, darunter Kämpfer aus Usbekistan, die nur darauf warten, die Amerikaner anzugreifen. „Verdammt“, flucht Plank und steckt sich eine Zigarette an. Von einer Anhöhe aus beobachten wir, wie drei Taliban über die Straße laufen und im Wald verschwinden, bewaffnet mit Panzerfäusten, etwa fünfhundert Meter Luftlinie entfernt.

Kurz darauf kommt ein weißer Toyota angerast, hält an der gleichen Stelle, ein Mann springt heraus und rennt sofort einen Berghang hinauf. Das passiert innerhalb weniger Minuten. Bis die Soldaten ihre Mörser justiert haben, sind die Taliban im Wald verschwunden. Abraham überwacht den Funkverkehr. Die Taliban beraten: Angreifen, oder nicht, fragen sie sich und behaupten, dass die Amerikaner nicht mehr weit von ihrem Versteck sind. Sergeant Plank blickt durch das Zielfernrohr seines Gewehres und sagt, dass wir hinter einer Tanne in Deckung gehen sollten, nur für den Fall. Stille.

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Dann greifen die Taliban an, schießen mit Panzerfäusten und Mörsern auf einen gegenüberliegenden Hügel, wo eine andere Einheit US-Soldaten liegt, keine zweihundert Meter Luftlinie von Sergeant Planks Stellung entfernt. Wir legen uns flach auf den Waldboden, seltsam ruhig, ohne Angst und rauchen Zigaretten. 45 Minuten dauert das Gefecht, dann ist es wieder ruhig. Währenddessen liegen Planks Leute regungslos hinter den Bäumen und beobachten die umliegenden Hänge. Ab und zu flüstert Plank ins Funkgerät, dass seine Leute die Augen offen halten sollen, falls sich die Taliban in diese Richtung zurückziehen. Ansonsten starren die Soldaten mit angespannten Mienen in den Wald, ob sich dort etwas rührt, die Gewehre schussbereit.

Dann hören wir sie. Stimmen in Paschtu und ganz in der Nähe knacken Zweige. „Psst“, macht Sergeant Plank und fährt mit dem Finger über den Lauf seines Gewehres als kraule er das Fell eines Tieres. Am Fuß des Hangs, keine dreihundert Meter unterhalb von Plank, laufen einige Männer durchs Unterholz. Wie viele es sind, kann Plank nicht erkennen, aber er gibt den Befehl, ihnen den Weg abzuschneiden. Soldaten gehen langsam den Berg hinab, immer zwei Mann zusammen, im Abstand von etwa zwanzig Metern, das Gewehr im Anschlag, wir hinterher. Wenig später kreisen Apache-Kampfhubschrauber, die über Funk als Luftunterstützung angefordert wurden, etwa fünfzehn Meter über unseren Köpfen. Plank wirft sich zu Boden und wedelt mit einem roten Signaltuch, damit die Piloten nicht aus Versehen die eigenen Leute beschießen.

US-Patrouille nahe Camp Tillman

US-Patrouille nahe Camp Tillman: Oft werden die Soldaten von Aufständischen mit Mörsern, Panzerfäusten und Maschinengewehren aus dem Hinterhalt angegriffen. (Quelle: U.S. Army/Scar)Größere Abbildung anzeigen

Die Hubschrauber feuern mit ihren Bordkanonen in den Hang, wo sie den Gegner vermuten, und Planks Einheit macht Pause. Ryan „Doc” Reeves verteilt Wasserflaschen, damit die Soldaten nicht dehydrieren und fragt, ob alles in Ordnung sei. „Alles Roger, Doc.” Der 21-Jährige ist der Sanitäter der Truppe. Er stand daneben, als eine Kugel seinen besten Freund in den Kopf traf, leistete erste Hilfe, bis ein Hubschrauber kam, um den Kameraden ins nächste Feldlazarett zu fliegen. Der Freund hat überlebt und es gehe ihm inzwischen besser, erzählt Reeves. Aber etwas hat sich seither in ihm verändert.

Eine Wut hat ihn erfasst, die sich in ihm festgefressen hat. Wütend auf alles und jeden und sich selbst; dass er in diesem gottverlassenen Land fest sitzt, auf die Taliban, auf die verdammten ISAF-Regeln, die ihm das Kämpfen verbieten, auf die beschissene Verpflegung. „Meine Eltern beschweren sich schon, dass sie ihren Sohn in den E-Mails, die ich ihnen schreibe, nicht mehr wiedererkennen.” Darin beschreibt er den Krieg und Afghanistan in derben Kraftausdrücken. Auf Facebook hat er so heftige Nachrichten hinterlassen, dass sein Account gelöscht wurde – was er dort geschrieben hat, behält er für sich. „Mein Leben ist scheiße”, sagt er und grinst dabei.

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Dann beginnt...

...es wieder zu regnen, die Apaches drehen ab, und die Taliban sind im Wald verschwunden. Neun Stunden später rumpelt der Konvoi im Schutz der Nacht unversehrt durch die „ambush alley“. Bombenentschärfer der US-Armee sprengen eine Mine, die im Straßenschotter vergraben liegt. Die Taliban funken, dass einer ihrer Kommandeure schwer verletzt ist, und Sergeant Dick Plank legt sich erschöpft, nass und frierend unter einem Baum auf seinen Poncho. Feierabend.

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Carsten Stormer


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