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Für Deutschland

Brillanter Generalstabsoffizier und charismatischer Kopf des militärischen Widerstands gegen das NS-Regime. Mit dem Umsturzversuch von 1944 wollte Stauffenberg eine Volkserhebung auslösen wie sein Vorfahr Gneisenau 1809 und 1813. Seit Herbst 1941 war Hitler nicht nur Staatsoberhaupt und „Oberster Kriegsherr“, sondern auch Reichskriegsminister und damit Oberbefehlshaber der Wehrmacht, zugleich auch Oberbefehlshaber des Heeres. Den Krieg an der Ostfront führte das Oberkommando des Heeres, den auf den anderen Kriegsschauplätzen das Oberkommando der Wehrmacht. Die Zuständigkeiten für Personalersatz, Rüstung und Sicherheit im Inneren waren vielfältig verteilt, eifersüchtig abgegrenzt und ständig umstritten.

Familie

Stauffenberg 1943 auf Genesungsurlaub mit Sohn Heimeran, Tochter Valerie, Nichte Elisabeth, Neffe Alfred (Kinder seines Bruders Berthold), Sohn Franz Ludwig (on links). (Quelle: ullsteinbild/Stiftung 20.Juli 1944)Größere Abbildung anzeigen

In der Organisationsabteilung des Oberkommandos des Heeres gab es einen Major im Generalstab (i.G.), der pflegte Vorträge über diese Kriegsspitzengliederung mit der Bemerkung einzuleiten, „die Kriegsspitzengliederung der deutschen Wehrmacht sei noch blöder, als die befähigsten Generalstabsoffiziere sie erfinden könnten, wenn sie den Auftrag bekämen, die unsinnigste Kriegsspitzengliederung zu erfinden“. Der scharfsinnige Major hieß Claus Schenk Graf von Stauffenberg, er war geboren am 15. November 1907 und würde in diesen Tagen 100 Jahre alt.

Die deutsche Öffentlichkeit kennt Stauffenberg als den Hitler-Attentäter, besser Informierte kennen ihn als den Kopf der Staatsstreichorganisation vom 20. Juli 1944. In vielen Reden, auch Aufsätzen und Büchern über Stauffenberg finden sich Hinweise auf sein charismatisches Wesen, auf seine Verbundenheit mit dem Dichter Stefan George, auf Stauffenbergs moralische und christliche Grundhaltung. Dazu, dass Stauffenberg einer der Spitzen-Generalstabsoffiziere seiner Generation war, erfahren wir in der Regel wenig. Stauffenberg war Oberst, vielleicht der jüngste Oberst des Heeres. Was hat er eigentlich tagsüber gemacht? In manchen Büchern scheint es, als sei er zur Durchführung einer Verschwörung vom Dienst freigestellt gewesen, aber so war es ja nicht. Was machte er als Chef des Stabes beim Befehlshaber des Ersatzheeres, und hatte das irgendwie mit dem Entschluss zum Staatsstreich zu tun? Soldaten dürfen ihre ganz spezifischen Fragen an die Biographie Stauffenbergs richten.

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Familie der Heeresreformer

Stauffenberg stammte aus württembergischem Uradel, die Familie war auf Schloss Lautlingen auf der Südseite der Schwäbischen Alb beheimatet, wo auch Claus geboren wurde. Zeit seines Lebens war ihm wichtig, dass zu seinen Vorfahren auch der preußische Heeresreformer August Neidhardt Graf von Gneisenau gehörte. Dieser war sein Urgroßvater mütterlicherseits. Der Offizierberuf war in der Familie Schenk Graf von Stauffenberg keineswegs selbstverständlich. Stauffenbergs ältester Bruder Berthold wurde Jurist, der zweite Bruder Alexander Professor für Archäologie, und nur Claus als der jüngste entschied sich für das Militär.

Gleichwohl trat er nach dem Abitur 1926 in einen „standesgemäßen“ Verband ein: Das Reiter-Regiment 17 in Bamberg („Bamberger Reiter“) führte die Tradition der bayerischen Kavallerieregimenter weiter, der Adelsanteil war ähnlich hoch wie beim berühmten Potsdamer Infanterie-Regiment 9. Stauffenberg war ein erfolgreicher junger Offizier; von 1936 bis 1938 besuchte er in Berlin die Kriegsakademie und wurde anschließend Generalstabsoffizier – damals wie heute der vielversprechende Start einer steilen Karriere. Die Generalstabsausbildung erzog zu allem anderen als zu Kommiss und Untertanengeist – sie glich in vielem einem Studium und ließ den Lehrgangsteilnehmern auch Zeit, eigene Interessen zu verfolgen. So konnte Stauffenberg auch weiterhin am Nachlass des von ihm verehrten Dichters Stefan George arbeiten, zu dessen engsten „Jüngern“ er gehört hatte.

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Bittere Erkenntnis

Stauffenberg war zu dieser Zeit alles andere als ein Nazigegner. Begeistert nahm der junge Generalstäbler an den Feldzügen der Wehrmacht in Polen (1939) und Frankreich (1940) teil, wobei er sich durchaus einen Namen als scharfer analytischer Denker zu machen begann. Wie üblich, folgte auf die Verwendung im „Truppengeneralstab“ (also einer Division) eine Tätigkeit in der „Zentrale“ – im Oberkommando des Heeres in Berlin. Hier allerdings begann Stauffenberg ab 1941, die Realität des Krieges aus einer anderen Perspektive zu sehen. In der Organisationsabteilung des Generalstabs des Heeres war er zuständig für Truppenaufstellungen und Umgliederungen. Wie viele andere hatte er geglaubt, die Wehrmacht führe einen Krieg gegen das „bolschewistische System“, wolle die Völker der Sowjetunion von der Diktatur befreien.

Die Realität des rasseideologischen Vernichtungskriegs aber war eine andere; Hitler ging es darum, angebliche „Untermenschen“ zu unterjochen und zu vernichten, nicht darum, sie auf die deutsche Seite zu ziehen. Stauffenberg, inzwischen Major i.G., hatte darauf hingearbeitet, aus freiwilligen russischen Kriegsgefangenen Truppen aufzustellen, die auf deutscher Seite gegen das Regime Stalins zu kämpfen bereit waren, hatte aber erfahren müssen, dass das aus ideologischen, also rassistischen Gründen nicht erwünscht war. Offensichtlich war Hitler die Versklavung slawischer Nationen wichtiger als eine siegreiche Kriegführung. Im Generalstab des Heeres, wo man einen Überblick gewinnen konnte, begann Stauffenberg das zu begreifen, was er aus der Perspektive der Front nicht hatte erkennen können: dieser Krieg war nicht irgendein Krieg, sondern ein einziges Menschheitsverbrechen, nicht zuletzt am deutschen Volk.

Seinem Mitarbeiter, dem späteren Major i.G. Joachim Kuhn, vertraute er an, „dieser Krieg [sei] vom Augenblick, wo wir den Fehler machten, Rußland anzugreifen, personell und materiell für Deutschland auch bei bester Führung nicht durchzustehen“. Einen solchen Krieg nicht zu beenden, damit letztlich die „blutsmäßige Substanz“, also die Existenz des deutschen Volkes überhaupt aufs Spiel zu setzen, das schien dem Grafen, der sich in der Tradition des mittelalterlichen Stauferreiches sah, unverantwortlich.

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Im Pförtnerhaus

1924 im Pförtnerhäuschen in Berlin-Grunewald: Stefan George mit Berthold und Claus Schenk Graf von Stauffenberg (von links) (Quelle: picture-alliance/akg-images)Größere Abbildung anzeigen

Schwerste Kriegsverletzungen

Als Oberstleutnant i.G. wurde Stauffenberg im März 1943 Erster Generalstabsoffizier (nach unserem Verständnis Stellvertretender Kommandeur, Chef des Stabes und G 3 zugleich) der 10. Panzerdivision in Tunesien. Die Panzerarmee Afrika unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel stand zu diesem Zeitpunkt bereits in schweren Abwehrkämpfen gegen die in Nordafrika gelandeten angloamerikanischen Truppen. Bei einem Tieffliegerangriff wurde Stauffenberg am 7. April 1943 schwer verwundet.

Es dauerte einige Zeit, bis er ärztlich versorgt und in ein Lazarett verbracht werden konnte. Alle medizinische Kunst konnte nicht verhindern, dass sein rechter Unterarm, zwei Finger der linken Hand sowie das linke Auge amputiert werden mussten. Stauffenberg wurde nach München ausgeflogen und entging so der Kriegsgefangenschaft. Längere Krankenhausaufenthalte folgten, während derer der berühmte Chirurg Professor Ferdinand Sauerbruch, Vater eines Freundes und Regimentskameraden, versuchte, Stauffenberg ein wenigstens einigermaßen eigenständiges Leben zu ermöglichen.

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Politische Gleichgesinnte

Olbricht, seit den Anfängen einer militärischen Opposition gegen Hitler „dabei“, muss früh erkannt haben, dass sein neuer Stabschef auf der gleichen Wellenlänge sendete. Außerdem steckte die Militäropposition in dieser Phase in einer großen Krise. Bisher hatte sie sich vor allem auf das Amt Ausland/Abwehr, also die Zentrale der Militärspionage unter Admiral Wilhelm Canaris abgestützt. Diese aber war im Frühsommer 1944 zerschlagen und dem verhassten Sicherheitsdienst der SS eingegliedert worden. Damit hatten die Verschwörer ihre wichtigste institutionelle Basis verloren.

Bereits im Herbst 1943 aber gelang ein neuer Start. Stauffenberg und der auf Urlaub in Berlin weilende Oberst i.G. Henning von Tresckow machten sich mit Wissen und Billigung Olbrichts daran, die seit längerem vorbereiteten Befehle für den Fall innerer Unruhen („Walküre“) für die Zwecke der Umsturzplanung zu überarbeiten. Solche Innere Unruhen waren ja durchaus vorstellbar: ob man einen Aufstand der vielen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen im Reich befürchtete oder ob man Sorgen wegen einer alliierten Luftlandung haben musste: es konnte auch aus Sicht des NS-Regimes durchaus legitim sein, für diesen Fall vorzuplanen. Als Stauffenberg seinen Kameraden Kuhn im Oktober 1943 wiedersah, waren die Planungen schon generalstabsmäßig vorangeschritten: „Deine Rolle wird sein: Als Ia des Generals Stieff zu fungieren, (...) das heißt mobkalendermäßige Vorbereitungen für das Hauptquartier zu treffen.“

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Verwüstetes Kartenlager

Blick in die Karten-Baracke im Führerhauptquartier in Rastenburg nach dem Sprengstoff-Attentat Stauffenbergs. Mit dem Kreis (unten rechts) soll Hitler selbst die Stelle markiert ha … (Quelle: picture-alliance/dpa/Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

Planung des Anschlags

Für Stauffenberg begann jetzt eine gewaltige Arbeit. In jedem der Wehrkreise im Reich sollte ein Verbindungsoffizier gefunden werden, dazu ein ziviler Politischer Beauftragter der Umsturzregierung, und das alles unter konspirativen Bedingungen. Es galt, vorsichtig Gespräche zu führen, das Gegenüber abzutasten. Mitverschwörer empfahlen mögliche Ansprechpartner, aber die eigentliche „Gewinnung“ unternahm der militärische Kopf der Verschwörung am liebsten selbst. Manch einer erklärte sich dem charismatischen Stauffenberg gegenüber zur Mitwirkung an einer Nach-Hitler-Regierung bereit, ohne genau zu fragen, wie es zu einer solchen Regierung kommen sollte. Längst nicht jeder, der nach dem gescheiterten Putsch verurteilt und hingerichtet wurde, hatte Details über Stauffenbergs Attentatspläne gewusst.

Das Attentat aber, das sah Stauffenberg ganz klar, war zwingende Voraussetzung für das Gelingen des angestrebten Umsturzes. So lange Hitler noch lebte, würde das Heer nicht gegen ihn und die Partei marschieren. Andererseits aber war der politische Mord kein Selbstzweck, sondern rechtfertigte sich nur durch das damit angestrebte Ziel: Umsturz und Kriegsbeendigung. Nicht wenige Mitverschwörer lehnten aus religiösen oder grundsätzlich-politischen Motiven heraus das Attentat ab, setzten auf eine Verhaftung Hitlers.

Das war etwa die Position des zivilen Kopfes der Verschwörung, des früheren Leipziger Oberbürgermeisters Carl Goerdeler. Zwischen ihm und Stauffenberg entwickelten sich zunehmende Spannungen. Stauffenberg schätzte die innen- wie die außenpolitische Lage deutlich realistischer ein als der hochkonservative Monarchist Goerdeler. Goerdeler wollte einen Wechsel der Regierung, sozusagen eine Revolution von oben, eine Regierung der „Fachleute“, wie er sagte, oder aber ein „Kabinett der Greise“, wie es Stauffenberg despektierlich nannte. Stauffenberg dagegen wählte sich seinen Vorfahren Gneisenau als Vorbild, vielleicht den radikalsten der preußischen Heeresreformer, und setzte ganz auf eine Volkserhebung. Er traf sich da mit dem SPD-Politiker Julius Leber, der geistig gern auf Gerhard von Scharnhorst zurückgriff, und mit dem ihn in den letzten Monaten vor dem 20. Juli 1944 eine enge Freundschaft verband.

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Ranghoher „Verschwörer“

Die Achillesferse des ganzen Umsturzes lag nun freilich darin, dass Stauffenberg, am 1. Juli 1944 mit 37 Jahren zum Oberst befördert, der einzige Verschwörer war, der Zugang zu Hitler hatte. Stauffenberg also würde das Attentat ausführen müssen, aber er würde lebend entkommen müssen, weil nur er als neuer Chef des Stabes des Ersatzheeres im Namen des Befehlshabers Befehle an die Truppen im Reich geben konnte. Nach Versuchen am 11. und 15. Juli, die aber beinahe schon zur Enttarnung der verschwörerischen Planungen geführt hätten, geriet Stauffenberg unter extremen Zeitdruck.

Das war wohl der Grund, weshalb er bei seinem nächsten Vortrag bei Hitler am 20. Juli um jeden Preis die „Initialzündung“ auslösen musste, obwohl die Umstände nicht günstig waren. Stauffenberg gelang es, nach der Explosion der von ihm gezündeten Bombe das Führerhauptquartier „Wolfschanze“ in Ostpreußen zu verlassen und nach Berlin zu fliegen. Fest überzeugt, dass Hitler tot sei, ließ er am späten Nachmittag das Unternehmen „Walküre“ auslösen. Hitler hatte aber überlebt, und jetzt bestätigte sich, was Stauffenberg immer prophezeit hatte: gegen einen lebenden Hitler war ein Umsturz nicht möglich.

Nein, Stauffenberg war ein Nationalkonservativer; ihm ging es um die Erhaltung Deutschlands und „der Armee“, wie er es nannte, und um ein Ende der unsäglichen Verbrechen, die von Deutschen und an Deutschen begangen wurden. Das macht ihn zum Vorbild für die Soldaten der Bundeswehr.

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Autor:

Dr. Winfried Heinemann, Jahrgang 1956, Oberst, ist Leiter des Forschungsbereichs IV, Militärge­schicht­liches For­schungsamt, Potsdam.

Zusammenfassung:

Nach schwerer Verwundung erkennt Oberst i.G. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, dass Hitlers Krieg ein „Menschheitsverbrechen“ auch gegen das deutsche Volk ist. Der Diktator und das NS-Regime sind verantwortlich für militärische Krisen in Stalingrad und Nordafrika wie für den rasseideologischen Krieg gegen angebliche „Untermenschen“. Bei dem Attentat auf Hitler und dem Staatsstreichversuch am 20. Juli 1944 ging es ihm um den Erhalt Deutschlands und das Ende der Verbrechen des Nationalsozialismus.

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Stand vom: 04.12.13


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