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Herausforderungen der Wissensgesellschaft

„Ausbildung, Bildung und Erziehung sind wesentlich für den Erfolg der Transformation der Bundeswehr.“1 Die veränderte sicherheitspolitische Lage, die Herausforderungen der Globalisierung und die Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erfordern eine konsequente Schwerpunktverlagerung. Für die Streitkräfte heißt dies, einen den Herausforderungen gewachsenen Bildungsanspruch zu formulieren. (3-4/2009)

Soldaten beim Lernen

Bildungsinvestitionen sind die Grundlage... (Quelle: Bundeswehr/Faller)Größere Abbildung anzeigen

Der Transformationsprozess der Bundeswehr geht einher mit einem Übergang von der Industriegesellschaft in eine Wissensgesellschaft, deren Wertschöpfung zunehmend auf der Produktion, Bereitstellung, Sammlung, Auswertung und dem Austausch von Wissen beruht. Mit atemberaubender Geschwindigkeit entsteht global eine neue Informations- und Wissensinfrastruktur, die weitreichende Auswirkungen auf Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und auch das Militär haben wird. „Globalisierung verlangt allen beteiligten Parteien massive Wandlungsprozesse ab. ... Wir werden von der Globalisierung nicht „aus dem Haus“, sondern „die Treppe hochgetrieben“ – in die Wissensökonomie, in der die Kräfte des Geistes, des Wissens, des Designs, der komplexen schöpferischen Arbeit die Spielregeln bestimmen.“ Information und Wissen werden zu eigenständigen strategischen Machtfaktoren. Der Cyberspace ist neben den klassischen Operationsräumen Land, Luft, See und Weltraum zum fünften Operationsraum geworden. Daten und Informationen können jederzeit an nahezu jedem Ort unserer Erde in diesen Raum eingestellt, dort verarbeitet und zielgruppenorientiert bereitgestellt werden. Im Kontext der sicherheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entscheidet die effiziente Sammlung und Bereitstellung von Information und Wissen über Erfolg oder Misserfolg künftiger Gesellschaften mit.

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Wenn die Wortschöpfung...

...der Wissensgesellschaft durch den amerikanischen Soziologen Robert E. Lane Wirklichkeit wird, werden wir künftig in einer Gesellschaft leben, die primär durch Wissen und Bildung bestimmt wird. „Wissen – grob definiert als Daten, Informationen, Bilder, Symbole, Kultur, Ideologie und Werte“ – wird das zentrale Element gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wirkens werden. Das anstehende Jahrhundert wird geprägt sein von einer Explosion des Wissens und der produktiven Reaktion der Gesellschaft auf diesen Wandel. Wissen und Information werden zu zentralen wirtschaftlichen Ressourcen der Zivilisation der Zukunft. Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf den Stellenwert der Bildung in unseren künftigen Gesellschaften. Wissen und Information sind so bedeutsam, dass Investitionen im Bildungsbereich zu einem der Schlüsselfaktoren zum Überleben einer Nation in einer sich immer schneller ändernden Welt werden. Dem können sich die Streitkräfte nicht verschließen, da dieselben Kräfte, die unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft verändern, auch den Krieg verändern werden.

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich für die Bundeswehr bereits grundlegend neue Rahmenbedingungen ergeben. Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen: Die demographische Entwicklung in den europäischen Staaten, in den benachbarten Regionen sowie im globalen Maßstab, daraus resultierende mögliche Wanderungsbewegungen und wachsender Migrationsdruck, Rohstoff- und Energieknappheit, Klimawandel und globale Umweltprobleme, Umverteilung des Wohlstands, die künftige Entwicklung der Staatenwelt mit dem möglichen Verlust der Gewaltmonopole der Staaten, zerfallende Staaten und die denkbare Entstehung einer neuen Weltordnung, um nur einige zu nennen, betreffen Sicherheit und Wohlfahrt der industrialisierten Welt – und damit uns unmittelbar.

Humanitäre Katastrophen, Hunger und Unterentwicklung sind nicht mehr nur isolierte Probleme der so genannten „Dritten Welt“. Parallel dazu stehen wir vor neuen Sicherheitsbedrohungen, die von weltweit agierenden Terror-Netzwerken, der Weiterverbreitung von Massenvernichtungsmitteln sowie Bürgerkriegen und innerstaatlicher Gewalt in unterschiedlichsten Krisenregionen ausgehen.

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Die veränderte...

...sicherheitspolitische Lage, die Herausforderungen der Globalisierung, gesellschaftliche und technologische Veränderungen haben die Rahmenbedingungen politischen und militärischen Handelns bereits heute signifikant modifiziert. Dem muss das Ausbildungssystem der Bundeswehr angemessen Rechnung tragen. Die Bundeswehr galt bis in die 90er Jahre als „Ausbildungsarmee“, deren Ziel es war, Soldaten gut auszubilden und kämpfen zu können, um nicht kämpfen zu müssen. Die Bundeswehr wird heute als „Einsatzarmee“ bezeichnet. Das Ziel der Ausbildung hat sich damit gravierend gewandelt. Nicht weniger Ausbildung ist die Devise, sondern andere, vor allen Dingen bessere, um jederzeit im gesamten Spektrum der Einsätze erfolgreich bestehen zu können. Die Neuorientierung der Bundeswehr auf die neuen Aufgaben und insbesondere die Notwendigkeit zu konsequenter Einsatzorientierung erforderten eine kontinuierliche und konsequente Schwerpunktverlagerung auf die neuen und zugleich komplexen Anforderungen.

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Für die Streitkräfte...

...bedeutet dies, dass sie einen neuen Bildungsanspruch formulieren müssen. Wissen und Informationen erhalten in und für die Streitkräfte einen anderen Stellenwert. Jedes Nachdenken über friedenserhaltende und –schaffende oder auch humanitäre Maßnahmen, das die Wissens- und Informationsressourcen außer Acht lässt, ist daher schon im Ansatz verfehlt. Dies erfordert künftig ein „qualitativ neues Denken ... (des Führungspersonals), verbunden mit einem erweiterten Rollen- und Berufsverständnis sowie eine so bisher nicht geforderte geistige Flexibilität und Mobilität.“ Vielfalt und Dynamik dieser Prozesse verlangen eine qualifizierte militärwissenschaftliche Forschung und die Fähigkeit zu vernetztem und interdisziplinärem Denken.

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Flyer

...für das Überleben einer Nation. (Quelle: IMZ Bw/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

Die umwälzenden Veränderungen...

...erfordern, dass die Inhalte und Verfahren von Ausbildung und Bildung in den Streitkräften neu gedacht und kommuniziert werden müssen.7 Gleiches gilt für die Anwendung von Methodik und Didaktik sowie moderner Ausbildungstechnologien. Die konsequente Einsatzorientierung und die knappen Haushaltsmittel bedingen die rasche Trennung von überflüssigen Ausbildungsinhalten, die Standhaftigkeit zur Beibehaltung bewährter Inhalte und Verfahren und – neben der Erhöhung der körperlichen Anforderungen – den Mut zur Implementierung als erforderlich angesehener neuer Themen (z.B. interkulturelle Kompetenz, Ethik, Medienkompetenz, Zusammenarbeit in multinationalen und Kooperation mit zivilen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen). Die Einführung neuer Verfahren in die Bundeswehr (z.B. Controlling, Prozessorientierung, Coaching) kann nur dann Erfolg haben, wenn Führer und Geführte die Möglichkeit zur Aus- und Weiterbildung haben und sie auch nutzen. Die Erkenntnisse aus Auslandseinsätzen und die Erfordernisse für Auslandseinsätze bedürfen zwingend gezielter Aus- und Weiterbildungsbildungsmaßnahmen. Vor dem Hintergrund der rasanten, sich selbst beschleunigenden Wissensentwicklung muss auch das Verhältnis von Inhalts- und Methodenwissen einer ständigen kritischen Überprüfung unterzogen werden.

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Die Rahmenbedingungen für Führung...

...und Führungsverständnis werden durch die Vielfalt der aufgezeigten Entwicklungen und Trends unmittelbar berührt. Web 2.0 (und folgende Versionen) werden unmittelbaren Einfluss auf den Stellenwert von Information als Führungsmittel haben. Das bewährte Konzept der Inneren Führung wird nicht unberührt bleiben. Es gilt, die Elemente dieses Konzeptes konsequent weiter zu entwickeln und die Chancen dieser Entwicklung ebenso konsequent auch für die Stärkung der Auftragstaktik zu nutzen. Der Weg in die Wissens- und Bildungsgesellschaft und die damit verbundene dramatische Verkürzung der Halbwertzeiten von Wissen erfordert von den Angehörigen der Bundeswehr wie von der gesamten Gesellschaft die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen. Die rasche Entwicklung einer neuen Lernkultur in der gesamten Gesellschaft wie in den Streitkräften, in der die Bereitschaft und die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen im Vordergrund steht, ist eine essentielle Voraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung der Zukunft.

Dem müssen die Streitkräfte in institutionalisierter Dauerreflexion durch systematische Auswahl und Zuweisung der strategischen Ausbildungs- und Bildungsthemen, ständige Bereitschaft zu kontinuierlicher Weiterentwicklung und Anpassung des Wissens- und Bildungskanons, stringente Optimierung und Zusammenführung der Themenfelder Organisationsentwicklung, Personalentwicklung und Ausbildung sowie Nutzung moderner Ausbildungstechnologien und Verfahren stärker als bisher Rechnung tragen, um die vorhandenen Profile unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch intensiver zu nutzen als bisher. Dazu gehört auch die konsequente Teilhabe am Bologna-Prozess in der universitären und postgradualen Ausund Weiterbildung sowie die Entwicklung von Regeln und Verfahren, um Lernbereitschaft und Motivation für lebenslanges Lernen beim Führungspersonal zu erzeugen. Das zu erreichende Bildungs- und Ausbildungsziel hat der Generalinspekteur der Bundeswehr, damals General Wolfgang Schneiderhan in einer Rede an der Führungsakademie der Bundeswehr am 5. Juli 2005 formuliert:

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„Das Berufsbild des Soldaten...

...und insbesondere des militärischen Führers ist heute weitaus vielfältiger und komplexer als früher. In den ersten Jahrzehnten der Bundeswehr standen die traditionellen Qualifikationen im Vordergrund. Sie haben nicht an Bedeutung verloren. Hinzu kommen allerdings neue Qualifikationen, um Aufgaben ziviler, präventiver und sogar polizeiähnlicher Art bewältigen zu können. Unübersichtlichkeit der Lage und Unberechenbarkeit bleiben Konstanten der Herausforderungen an den militärischen Führer. Entscheiden und Handeln ins Ungewisse hinein mit hoher Eigenständigkeit und Verantwortung sind bestimmende Merkmale des Offizierberufs geworden. Dies verlangt ein Führungspersonal mit klarem Profil, das auf einem festen moralischen und ethischen Fundament ruht. Zur soldatischen Professionalität gehören heute selbstverständlich nach wie vor die soldatischen Grundfertigkeiten und das traditionelle militärische Handwerkszeug.

Es wird aber die individuelle Bereitschaft und die intellektuelle Fähigkeit verlangt, diese Fertigkeiten unter den Bedingungen der veränderten Einsatzwelt anzuwenden. Ohne interkulturelle Kompetenz, Innovationsfähigkeit, technisches Verständnis sowie hohe physische und psychische Belastbarkeit sind die Aufgaben nicht zu bewältigen.“ Die Erfordernisse der Transformation, die künftigen Einsatzszenarien und die Aspekte der Wissensgesellschaft lassen Diskussionen zur Notwendigkeit der Bildung von Führungspersonal nicht mehr zu. Es gilt allenfalls noch darüber zu diskutieren, ob Wissen und Bildung der Offiziere integraler Bestandteil ihres Handwerkszeuges und ihrer Professionalität sind oder ob die Professionalität gleichermaßen auf den Säulen militärischen Handwerks und wissenschaftlicher Bildung ruht.

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Vor 38 Jahren...

...legte die Bildungskommission beim Bundesminister der Verteidigung ihr „Gutachten zur Neuordnung der Bildung und Ausbildung in der Bundeswehr vor“. In der Zwischenzeit haben sich fast alle Rahmenbedingungen signifikant verändert. Unser Land erlebt wieder eine breit angelegte Bildungsdebatte und soll nach den Worten der Bundeskanzlerin Angela Merkel eine „Bildungsrepublik“ werden. Die Bildungskommission hat bereits damals festgestellt, dass „die Weiterentwicklung von Reformansätzen zu einer umfassenden Neuordnung ... jedoch nicht zu einer statischen Struktur des künftigen Ausbildungssystems führen (darf). Dieses muss vielmehr wandlungsfähig sein“. „Die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung eines Gemeinwesens hängt zunehmend von der Leistungs- und Wandlungsfähigkeit seines Bildungssystems ab...

Das Ausbildungssystem der Bundeswehr ist als Teil des allgemeinen Bildungswesens von diesem abhängig. Es ist dennoch ein in sich geschlossener Teil, der den militärischen Anforderungen entsprechen muss.“ Unter den Rahmenbedingungen einer Gesellschaft auf dem Weg von der Industrie- zur Wissens- oder Bildungsgesellschaft trifft diese Aussage auch heute noch zu. Das Wirken der Bildungskommission war unmittelbar mit der Aufstellung der Hochschulen der Bundeswehr und der Einrichtung des Hochschulstudiums als Regelstudium für das angehende Offizierkorps der Bundeswehr verbunden.

Diese universitäre und zivil anerkannte Ausbildung hat sich bis heute als wegweisend erwiesen und erleichtert der Bundeswehr den Weg in die Wissensund Bildungsgesellschaft. Die dynamischen Entwicklungen im Bildungswesen und die vielfältigen und komplexen Ausbildungserfordernisse in der Bundeswehr sind durchaus geeignet, über die Einrichtung einer zweiten Bildungskommission, einer „Bildungsreform für das 21. Jahrhundert“ nachzudenken

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Karl H. Schreiner


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