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Rätsel Pakistan

Über einen Mangel an schwierigen Aufgaben können sich die Streitkräfte Pakistans nicht beschweren: Im Grenzgebiet zu Afghanistan kämpft das Land gegen pakistanische Taliban und andere Extremisten, die USA untergraben die territoriale Souveränitat mit Drohnenangriffen und Aktionen wie der Tötung Osama Bin Ladens, und im Osten Pakistans stehen sich die Atommächte Indien und Pakistan im Konflikt um Kaschmir unversöhnlich gegenüber. (1/2012)

Armeeposten
Armeeposten nahe der Stadt Makeen in Süd-Waziristan (Quelle: privat)Größere Abbildung anzeigen

Wenn Major Muhammad Ali Diyal zum Dienst in das Armeehauptquartier in Rawalpindi fährt, erinnern nur noch dreifache Sicherheitskontrollen an den 10. Oktober 2009. An diesem Tag töteten hier zehn Angehörige der Taliban bei einem blutigen Angriff neun Soldaten und zwei Zivilisten. Der Anschlag sollte vor allem dafür Rache nehmen, dass die pakistanische Armee den Kampf gegen die Taliban im eigenen Land aufgenommen hat. Die Rolle der pakistanischen Sicherheitskräfte wie die der Streitkräfte und des militärischen Geheimdiensts ISI (Inter- Services Intelligence) im weltweiten Terrorkampf scheint auf dem ersten Blick eindeutig: Die Sicherheitskräfte betrachten sich als Garanten der nationalen Sicherheit.

Seit den Anschlägen des 11. September 2001 unterstreicht Pakistan immer wieder sein großes Engagement im Kampf gegen den Terror an der Seite der USA und der westlichen Welt. Die pakistanische Armee geht seit einigen Jahren erfolgreich gegen bestimmte Terrorgruppen vor. Seit 2009 sind rund 145.000 Soldaten auf einem zirka 100.000 Quadratkilometer großen Gebiet entlang der westlichen Grenze zu Afghanistan im Einsatz. Pakistan leistet damit einen weitaus größeren Teil im Kampf gegen den Extremismus als vom Westen oft anerkannt wird.

Nicht nur die Offensive zur Rückeroberung des Swat-Tals im Frühjahr 2009 und die Offensive in Süd-Waziristan im Herbst des gleichen Jahres waren verlustreich: Auch im Jahr 2011 hatte die pakistanische Armee trotz abflauender Kämpfe immer noch 382 Gefallene und 581 Verwundete zu beklagen. Seit Beginn der Kämpfe 2004 wurden mehr als 3.100 Soldaten getötet, über 9.600 Soldaten verwundet.

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Major Muhammed Ali Diyal
Major Muhammed Ali Diyal ist Armeesprecher. (Quelle: privat)Größere Abbildung anzeigen

Counterinsurgency.

Der Kampf gegen den Feind im eigenen Land unterscheidet sich nur wenig von den Gefechten der deutschen Soldaten im Regional Command North in Nordafghanistan: Täglich machen IEDs, Hinterhalte und Raketenangriffe den Truppen zu schaffen. Die durchschnittliche Stehzeit im Einsatz beträgt 30 Monate. Die Soldaten wohnen bei Wind und Wetter in Zelten oder Behelfsunterkünften auf kargen Bergrücken und harren oft tagelang ohne Nachschub aus.

Die pakistanischen Armee hat nicht genügend leistungsfähige Hubschrauber, um die teilweise sehr abgelegenen Posten zu versorgen oder auch verwundete Soldaten zu retten. Auch Major Ali hat an diesen Kämpfen teilgenommen: „Ich habe 2004 als Leutnant die Operation Al-Mizan in Süd-Waziristan mitgemacht.“ Seine Einheit habe die Aufgabe gehabt, ein Gebiet zu räumen, da die Armee diese Region das erste Mal überhaupt erreicht habe. „Wir etablierten verschiedene Kontrollposten in dem betroffenen Gebiet, um einsickernden Feinden den Zugang zu verwehren.

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Zudem errichteten wir Posten auf allen Straßen“, erzählt der Major. Allerdings haben nur wenige Großverbände, nämlich das XI. und XII. Korps einen dezidierten Counterinsurgency-Auftrag in den westlichen Provinzen, FATA (Federal Administered Tribal Areas, Stammesgebiete unter Bundesverwaltung), Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan. Diese strategische Ausrichtung resultiert aus der pakistanischen Perzeption, dass auch im Jahr 2012 die größte Gefahr für Pakistan – konventionell wie nuklear – vom östlichen Nachbarn und strategischen Rivalen Indien droht. Nach wie vor ist die über 600.000 Mann starke Berufsarmee hauptsächlich für einen Konflikt mit Indien ausgelegt. Von den neun Armeekorps sind sechs nach wie vor nahe der indischen Grenze stationiert. Sie sind unter anderem mit insgesamt rund 2.300 Kampfpanzern unterschiedlicher Bauart ausgestattet, wobei die 45 modernsten Panzer vom Typ „Al Khalid“ in Kooperation mit China in eigenen Fabriken hergestellt werden.

Ebenso fertigt man in Pakistan in Lizenz das G3, immer noch die Standardwaffe der Streitkräfte. Angesichts der gewaltigen konventionellen Überlegenheit Indiens mit seinen 1,3 Millionen Soldaten bleibt die letzte Sicherheitsgarantie für Pakistan jedoch die nukleare Option. Dazu unterhält das Land ein (Abschreckungs-) Potenzial von rund 110 Atomsprengköpfen. Hintergrund der Rivalität mit Indien ist der ungelöste Konflikt um Kaschmir. Der Streit um die Region, die beide Staaten für sich beanspruchen, hat seit der Unabhängigkeit Pakistans und Indiens von Großbritannien in Jahr 1947 schon zu drei Kriegen geführt: 1947, 1965 und 1999.

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Britisch-Indien mit Pakistan in den Grenzen von 1939
Britisch-Indien mit Pakistan in den Grenzen von 1939 (Quelle: if/Beu)Größere Abbildung anzeigen

Ambivalente Politik.

Insgesamt darf man sich Pakistan nicht als einen immer kohärent handelnden Akteur vorstellen. Die Interessen von Regierung, Armeeführung und ISI sind nicht immer deckungsgleich. So hat der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs der US-Streitkräfte, Admiral Mike Mullen, kurz vor seinem Ausscheiden in einer Rede dem pakistanischen Geheimdienst vorgeworfen, das Haqqani-Netzwerk, das Teil der Quetta-Schura der afghanischen Taliban ist, zu unterstützen, ja sogar als „Proxy“, Stellvertreter, im innerafghanischen Konflikt zu benutzen. Im Februar 2012 zitierte die BBC zudem einen geheimen NATO-Bericht. Er enthielt Aussagen kriegsgefangener Taliban, denen zufolge der pakistanische militärische Geheimdienst afghanische Extremisten wie Mullah Omar, das Haqqani-Netzwerk oder Gulbuddin Hekmatyar unterstützt habe.

Pakistan wies den Bericht umgehend als „lächerlich“ zurück. Welche Interessen verfolgt Pakistan im Nachbarland Afghanistan? Aus pakistanischer Sicht darf Afghanistan nicht unter den Einfluss Indiens geraten. Im Gegenteil: Bis vor wenigen Jahren betrachtete Pakistan Afghanistan als seinen strategischen Rückzugsraum, der Hindukusch verleiht Isalambad „Strategic Depth“, strategische Tiefe. Entwickelt wurde diese Strategie 1991 vom damaligen Armeechef Mirza Aslam Beg. Inzwischen hat sich die pakistanische Armeeführung jedoch von dieser Vorstellung gelöst. Daneben fürchtet Pakistan ein zweites „1971“. Bis 1971 war Bangladesch als Ost-Pakistan noch Teil der islamischen Republik.

Es kam zum Bürgerkrieg, die von Indien unterstützte Unabhängigkeitsbewegung gewann, Bangladesch erklärte sich für unabhängig. Seither darf als pakistanische Staatsräson angenommen werden, dass sich dies nicht mit Belutschistan wiederholen darf. Ein Hauptgrund für den mangelnden Erfolg der pakistanischen Armee gegen afghanische Extremisten oder deren vermeintliche Duldung dürfte jedoch das Fehlen ausreichender Kapazitäten sein. Schon mit dem Kampf gegen einheimische Radikale ist das pakistanische Militär extrem gefordert. Momentan versuchen radikale religiöse Kräfte, Separatisten und Terroristen, Pakistan intern zu destabilisieren.

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Die Konfliktlinien verlaufen entlang der Ethnien und Religionen. Radikale Kräfte, wie die Tehrik-e-Taliban, die Bewegung der Taliban in Pakistan, kämpfen offen gegen die Armee. Die Entscheidung von Armeechef General Kayani, insgesamt drei Divisionen von der Grenze zu Indien abzuziehen und diese Kräfte in den Kampf gegen den „neuen Feind“, die Terrorgruppierungen, in die Stammesgebiete zu entsenden, ist ein Hinweis darauf, dass sich die Risikoeinschätzung insgesamt langsam weiter verschiebt.

Angesichts der Kämpfe und der Opfer im Kampf gegen einheimische Extremisten ist es aus pakistanischer Sicht unverständlich, dass westliche Staaten von Pakistan fordern, noch mehr zu tun. „In zehn Jahren der Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft hat Pakistan mehr als 40.000 Menschen, einschließlich Tausender aus den Sicherheitskräften und viele Soldaten der Streitkräfte und Angehörige der Geheimdienste im Kampf gegen den Terror verloren“, sagt Major Ali. Zudem habe Pakistan große ökonomische Verluste hinnehmen müssen, die sich mittlerweile auf ungefähr 68 Milliarden US-Dollar beliefen. Gleichzeitig blieben ausländische Investoren aus Sorgen vor der unsicheren Sicherheitslage aus. Dies wirke sich negativ auf die Wirtschaft aus.

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Es gäbe kein anderes Land in der Welt, das so viel verloren habe. „Wenn wir dann die Aufrufe hören ‚to do more‘ ist das sehr unglücklich und sehr enttäuschend“, so der Offizier. Die Sichtweise der Pakistanis unterscheidet sich in diesem Punkt von der Wahrnehmung der westlichen Welt. Hier beobachtet man besorgt, dass viele regionale Terrorgruppen scheinbar ungestört Basen, Ausbildungscamps oder Rückzugsgebiete in Pakistan unterhalten. Damit ist Pakistan für viele westliche Regierungen eines der größten Sicherheitsprobleme in der Region.

Nicht nur aus diesem Grund stecken die pakistanisch-amerikanischen Beziehungen in einer tiefen Krise. Einerseits sind die Vereinigten Staaten der zentrale Partner für Pakistan. Offiziell Seite an Seite im Antiterrorkampf bezog Pakistan seit 2002 schätzungsweise 11 Milliarden US-Dollar Militärhilfe, darunter F-16-Kampfflugzeuge, Harpoon- Antischiffsraketen und Sidewinderraketen. Die USA unterstützten bei der Ausbildung von Antiterrorspezialkräften und halfen mit Geheimdienstinformationen. Positiv kam in Pakistan zudem die Hilfe der amerikanischen Streitkräfte bei Naturkatastrophen an, wie beim Erdbeben 2005 und zuletzt bei den verheerenden Überschwemmungen 2010.

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Beschlagnahmte Waffen
Beschlagnahmte Waffen im Swat-Tal (Quelle: privat)Größere Abbildung anzeigen

Partnerschaft in der Krise.

Demgegenüber stehen zahlreiche amerikanische Aktionen, die in der pakistanischen Bevölkerung und bei der Regierung sowie den Sicherheitsinstitutionen auf scharfen Protest stießen und eine gewaltige Welle des Antiamerikanismus hervorriefen. So greifen amerikanische Drohnen Terroristen auf pakistanischem Territorium an, was die Bevölkerung und offiziell auch die Regierung als Verletzung der pakistanischen Souveränität verurteilen. Und es gibt Abbottabad. Dass amerikanische Navy SEALs Osama Bin Laden am 2. Mai 2011 mitten in einer pakistanischen Garnisonsstadt töteten, warf in mehrfacher Hinsicht Fragen auf. Im Westen fragte man sich, wie der Topterrorist so lange unbehelligt in Pakistan leben konnte – und wer gegebenenfalls davon wusste.

Und die pakistanische Bevölkerung fragte sich, wie amerikanische Spezialeinheiten fast 200 Kilometer durch Pakistan fliegen, Bin Laden töten und wieder mit dem Leichnam wegfliegen konnten, ohne dass die pakistanischen Behörden eingeweiht waren. Vorläufiger Tiefpunkt: Am 26. November 2011 töteten amerikanische Kampfhubschrauber bei einem Angriff auf einen pakistanischen Grenzposten 24 Soldaten. Nach USAngaben eröffneten die Pakistanis das Feuer auf ISAF-Soldaten und afghanische Einheiten, die daraufhin Luftunterstützung angefordert hätten. Pakistan spricht von einem grundlosen Angriff.

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Als Reaktion auf das Gefecht untersagte Pakistan den USA die Nutzung der Luftwaffenbasis Shamsi und unterbrach den Gütertransport der ISAF durch Pakistan, immerhin ein Drittel des gesamten Nachschubs. Wiege des Offizierkorps. In Abottabad, an der Pakistan Military Academy (PMA), werden alle Offiziere der Armee in einem zweijährigen Lehrgang ausgebildet, erzogen und gedrillt. Gegründet 1947 werden von dort heute jährlich über 1.200 Offizieranwärter in die Truppe entlassen. Auch wenn an der PMA Traditionen scheinbar unverrückbar und für ewig Geltung zu haben scheinen, und besonders die Gardeuniformen mit glänzenden Epauletten, Sporen und Lederzeug aus einer anderen Welt anmuten, so hat sich doch die Ausbildung den neuen Realitäten angepasst. Fast ironisch klingt das Lehrfach „Low Intensity Conflict“, in welchem für den Kampf in den unwegsamen Gebirgen der Stammesgebiete, den FATA, vorbereitet werden soll.

Fast jeder der Ausbilder hat dort schon selber Erfahrung im Einsatz gemacht. Insbesondere für die ersten pakistanischen Einheiten war die Umstellung von „Large-scale mechanized Warfare“ mit einer großen Anzahl von Panzern, Artillerie und Soldaten zum „Low Intensity Conflict“ in den Stammesgebieten und im Swat-Tal nicht einfach. Wie die ISAF-Soldaten mussten sie bei den Operationen die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung und Infrastruktur einkalkulieren. „Der Kampf gegen die eigene Bevölkerung in einer unfreundlichen Umgebung ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe“, so Major Ali. Insbesondere weil die Terroristen nahezu unsichtbar bleiben, sei es anders als herkömmliche Kriegsführung. In diesen Gebieten kenne man den Feind nicht, Terroristen und Bevölkerung würden sich äußerlich kaum unterscheiden, so der Offizier, der während einer Operation bei einer Explosion seinen linken Unterschenkel verlor. Nach über zwei Jahren in ärztlicher Behandlung arbeitet er jetzt in der Presseabteilung der Armee. Anstelle des linken Beines hat er eine Beinprothese.

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Fortschreitende Demokratisierung.

Der politische Machtwechsel durch die pakistanischen Wahlen am 18. Februar 2008 hat einen inneren Wandel angestoßen – weg von der Militärdiktatur unter Ex-General Pervez Musharraf, hin zu einer demokratisch legitimierten Regierung unter dem Präsident Asif Ali Zardari von der „Pakistan People’s Party“ (PPP). Der Wechsel bietet den politischen Eliten des Landes eine reale Chance zum Neubeginn. Allerdings muss die Regierung bis zu den nächsten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2013 neben den bereits angesprochenen Herausforderungen vor allem versuchen, die sozioökonomischen Probleme zu lösen.

Die stetig und stark wachsende pakistanische Bevölkerung leidet zum Teil noch unter Naturkatastrophen und hoher Arbeitslosigkeit. Die Löhne können mit dem starken Preisanstieg nicht mithalten, besonders was Nahrungsmittel betrifft. Hier gab es 2011 Preissteigerungen von bis zu 30 Prozent. Soziale Unruhen könnten die Folge sein. Der Parlamentsabgeordnete Masood Abbas brachte die Problematik in einem Interview der Konrad-Adenauer- Stiftung auf den Punkt: Für „Menschen, die hungrig sind und keinerlei Hilfe erhalten, zählen Gesetze nicht mehr viel.“

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Stand vom: 07.08.12 | Autor: Björn Jüttner


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