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Geschichte des Guerillakriegs

Der Guerilla- und Partisanenkrieg ist schon lange das Mittel der politisch Schwachen. Da sie mittels regulärer Kriegsführung zu scheitern glauben, setzen Guerillas auf Hinterhalte, Überfälle, Sabotage und das Überraschungsmoment. In Anbetracht der Befreiung der Geisel Íngrid Betancourt legt der Autor Lutz Mäurer die geschichtlichen Hintergründe des Guerilla- und Partisanenkriegs dar und hinterfragt ob diese Taktik auch das 21. Jahrhundert prägen wird.

Menschenmenge mit Plakaten und Bannern

Marsch für die Freilassung von Ingrid Betancourt (Quelle: Presidencia de la Nacion Argentina)Größere Abbildung anzeigen

Die spektakuläre Befreiung der prominenten Geisel Íngrid Betancourt aus den Händen der FARC im vergangenen Juli war symptomatisch für den derzeitigen Zustand der „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (FARC). Seit 44 Jahren führt die Guerilla-Armee gegen die Regierung in Bogotá Krieg.

Jetzt scheint sie am Ende zu sein. Zu Kokainhändlern verkommen und die eigene Bevölkerung terrorisierend, hat die FARC kaum noch Sympathisanten und zeigt Auflösungserscheinungen.

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Bewaffnete Männer und zerstörte Häuser

Bewaffnete Mudschaheddin in einem zerstörten Dorf 1986 (Quelle: Wikimedia Commons)Größere Abbildung anzeigen

Vorgehensweise der Guerillas

Steht dieses Beispiel für einen Trend? Ist der Guerilla- oder Partisanenkrieg ein Auslaufmodell oder wird er auch im 21. Jahrhundert die Konflikte der Welt so prägen, wie er es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts getan hat? Die Taktik der Guerillas ist so alt wie der Krieg selbst.

Das Wort „guerilla“ stammt aus dem Spanischen und bedeutet „kleiner Krieg“. Und Kleinkrieg führten schon Skythen gegen Perser, Kelten gegen Römer und im 16. Jahrhundert Niederländer gegen Spanier. Als eine Form einer asymmetrischen Kriegsführung ist die Guerilla- oder Partisanentaktik die Methode der militärisch Schwachen.

Sie wissen, dass sie mit regulärer Kriegsführung, mit direkter Konfrontation in offener Schlacht scheitern. Daher setzen Guerillas auf Hinterhalte, Überfälle, Sabotage und das Überraschungsmoment. Es geht dem Partisan nicht um den einen schnellen entscheidenden Sieg, sondern um die allmähliche Zermürbung des Gegners.

Was kennzeichnet den Guerilla? „Der Partisan kämpft irregulär“, schrieb Carl Schmitt. Aber Partisanen kämpfen nicht vollständig irregulär. Während Terroristen keinerlei Regeln des bewaffneten Kampfes anerkennen und bewusst Zivilisten attackieren, sehen sich Guerillas als legitime Kombattanten.

Sie bekämpfen in erster Linie die Streitkräfte des Gegners. Klassische Guerilla-Armeen verstehen sich als Teil einer Gemeinschaft, deren Werte sie verteidigen. Die Gemeinschaft kann eine Nation, eine Stammesgesellschaft oder eine revolutionäre Partei sein.

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Entstehung der Guerillataktik

Der Begriff „guerilla“ tauchte erstmals während der Befreiungskriege der Spanier gegen Napoleon zwischen 1808 und 1814 auf. Die Niederlage vor Augen erließ Ferdinand VII. 1808 eine erste Verordnung zum Volkskrieg. Nach Art des „kleinen Krieges“ sollten eine spanische Volksmiliz mit Überfällen, Hinterhalten und Handstreichen den französischen Besatzern zusetzen.

Diese Kombination aus Kleinkrieg und Volkaufstand war neu. Der spanische Aufstand wies bereits alle Merkmale auf, die für spätere Guerillakriege typisch werden sollten: Die Freischärler waren äußerst mobil und flexibel. Sie trugen keine Uniform und waren von den Franzosen auf dem ersten Blick nicht als Kombattanten zu erkennen – eine der entscheidenden Stärken.

Aus ländlichen Rückzugsgebieten heraus, versuchten die Guerilleros die Franzosen dann zu attackieren, wenn diese in der Minderzahl waren. Ihre Hinterhalt-Taktik provozierte französische Racheakte – auch an Zivilisten. Grausamkeiten auf beiden Seiten schürten den Hass. Die apokalyptischen Radierungen Francisco de Goyas spiegeln noch heute die Erbarmungslosigkeit dieses Konflikts wider.

Der erfolgreiche Widerstand der Spanier wurde von den Gegnern Napoleons in Europa aufmerksam verfolgt, auch vom preußischen Militärtheoretiker Carl von Clausewitz. Er folgerte, dass auch Preußen einen Volkskrieg gegen die Franzosen führen müsse.

Seine Ideen wurden im königlichen Aufruf zum Landsturm vom 21. April 1813 umgesetzt: „Es ist daher die Bestimmung des Landsturms, dem Feind den Vorstoss wie auch den Rückzug zu versperren (…); seine Munition, Kuriere und Rekruten abzufangen (…); nächtliche Überfälle auszuführen (…) Die Mühlen werden (…) verbrannt, die Brunnen verschüttet (…)“

Auch nach dem napoleonischen Kriege griffen Kämpfer immer wieder zum Mittel des Guerillakrieges: So die Algerier von 1827 bis 1847 im Widerstand gegen die Kolonialherrschaft der Franzosen und die südafrikanischen Buren in ihrem Kampf gegen die Briten (1899-1902). Im Ersten Weltkrieg entwickelten arabische Freischärler unter der Anleitung des britischen Agenten Thomas Edward Lawrence eine erfolgreiche Kleinkrieg-Strategie im Kampf gegen die Türken.

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Gemälde von Friedrich Engels

Friedrich Engels (1877) (Quelle: Wikimedia Commons)Größere Abbildung anzeigen

Entdeckung durch marxistische Theoretiker

Schließlich entdeckten marxistische Theoretiker den Guerillakrieg als ein Mittel der „Unterdrückten“, um die militärisch Starken zu stürzen. Friedrich Engels schrieb: „Ein Volk, dass sich seine Unabhängigkeit erobern will, darf sich nicht auf die gewöhnlichen Kriegsmittel beschränken. Aufstand in Masse, Revolutionskrieg, Guerillas überall, das ist das einzige Mittel, wodurch ein kleines Volk mit einem grossen fertig werden kann.“

In diesem Sinne handelten die kommunistischen Partisanen Titos nachdem Hitlers Wehrmacht Jugoslawien besetzt hatte. Auch Stalin rief nach dem deutschen Überfall zum Partisanenkrieg auf.

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Verteidigungsstrategie vs. Offensivstrategie

Ende der 60er Jahre griff Tito in Jugoslawien auf seine Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs zurück und machte die „allumfassende Verteidigung“, eine Art Volkskriegskonzept, zu einer Säule der Verteidigungsstrategie. Überall im Land wurden versteckte Waffendepots angelegt. Dort sollten sich die Partisanenverbände im Ernstfall bewaffnen.

Ironie der Geschichte: Aus den für die Rettung des Vielvölkerstaates angelegten Depots bedienten sich schließlich die Freischärler, die in den Kriegen zwischen 1991 und 1995 dafür sorgten, dass Titos Staat zerbrach.

Während Jugoslawiens Generäle Partisanenkrieg als Verteidigungsstrategie verstanden, wurde andernorts Guerillakriegsführung als Offensivstrategie angewandt. Befreiungsbewegungen in Asien und Afrika setzten nach dem Zweiten Weltkrieg auf den kleinen Krieg, um ihre Kolonialherren loszuwerden.

Die Franzosen kämpften in Indochina und Algerien gegen Guerillas, die Briten in Kenia und die Niederländer in Indonesien. Überall verloren die Europäer letztlich ihre Kolonien.

Die Thesen des vietnamesischen Generals Vo Nguyen Giap machten deutlich, dass sich seit dem spanischen Volksaufstand nur wenig an den Grundsätzen des Guerillakriegs geändert hatte: „Sich zurückziehen, wenn der Gegner stark ist, sich je nach Gegebenheiten zerstreuen oder zusammenziehen (…), den Feind überall angreifen, damit er wie in ein feindliches Meer von Waffen untertaucht.“ Mit dieser Strategie vertrieb Giap zunächst die Franzosen und anschließend auch die US-Amerikaner.

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Bronzebüste auf Steinsockel mit Kreuz daneben

Denkmal Che Guevaras am Ort seines Todes in Bolivien (Quelle: Wikimedia Commons)Größere Abbildung anzeigen

Guerillakrieg auf Kuba

Besonders in Lateinamerika prägte der Guerillakrieg zahlreiche Konflikte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als leuchtendes Beispiel galt der Sturz des Batista-Regimes 1959 auf Kuba. Die beiden Köpfe der Revolution, Fidel Castro und Ernesto Che Guevara, hatten aus einer Handvoll Bewaffneter eine Guerilla-Armee geschmiedet, die schließlich große Teile der Bevölkerung auf ihrer Seite hatte.

Che Guevara avancierte für die radikale internationale Linke zu einer Ikone und zum Vordenker von Aufstand und Revolution. Für Guevara musste der Guerillero nicht nur militärischer Anführer des Umsturzes sein, sondern auch politisch wirken: „Der Guerillero ist der Freiheitskämpfer par excellence, der Auserwählte des Volkes, seine Avantgarde im Befreiungskampf.“

Den Kampf gegen den „Yankee-Imperialismus“ wollte Guevara in alle Welt importieren: „Schafft zwei, drei viele Vietnams“, appellierte er. Doch Guevera scheiterte. Eine Expedition im Kongo misslang und 1967 wurde er in Bolivien erschossen. Er hatte dort versucht mit einer kleinen Rebellengruppe einen Aufstand anzuzetteln.

Die Aktion endete in einem Fiasko, weil seine 44-köpfige Truppe von der Bevölkerung nicht unterstützt wurde. Guevara selbst hatte einst geschrieben: „Die Grundlage der Guerilla ist das Volk.“

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Guerillas benötigen die Unterstützung des Volkes

Auch Mao wusste: „Der Revolutionär muss sich in den Volksmassen bewegen, wie ein Fisch im Wasser.“ Die Unterstützung durch die Bevölkerung, die Möglichkeit Unterschlupf, Verpflegung und Informationen von Zivilisten zu bekommen, waren und sind entscheidende Faktoren für erfolgreiche Guerillakriegsführung.

Zwei Beispiele: Ohne eine breite Basis in der Bevölkerung hätten weder die afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjets noch der Vietcong in Vietnam gegen die US-Amerikaner bestehen können. An beiden Kriegen werden weitere ausschlaggebende Faktoren für erfolgreiche Guerillakriegführung offensichtlich: Um überhaupt die Sympathie in der Bevölkerung gewinnen zu können, müssen Guerillabewegungen Ziele verfolgen, die als politisch legitim eingeordnet werden können: Sei es die Befreiung von Besatzungstruppen wie im Afghanistan der 80er Jahre oder die Vertreibung ausländischer Truppen und die Wiedervereinigung eines geteilten Landes wie in Vietnam.

Außerdem trug in beiden Kriegen die Unterstützung der Guerilla durch einen starken Verbündeten entscheidend zum Sieg bei. Ohne stetige Waffenlieferungen aus China und der UdSSR und dem Rückhalt durch eine konventionelle Armee in Nordvietnam hätte der Vietcong seinen Krieg in Südvietnam gar nicht führen können. Auf der anderen Seite konnten die Afghanen erst nach der Lieferung tragbarer Boden-Luft-Raketen vom Typ Stinger durch die Amerikaner der sowjetischen Luftwaffe und ihren Kampfhubschraubern Paroli bieten.

Legitimation, Unterstützung durch einen starken Verbündeten und Rückhalt in der Bevölkerung – kommen diese drei Faktoren zusammen, ist der Krieg gegen eine gut organisierte Guerilla-Armee nur sehr schwer zu gewinnen. Typisch für den Anti-Guerilla-Kampf: Angesichts der irregulären Kriegsführung verletzen konventionelle Streitkräfte im Kampf gegen Guerillas ihre Normen. Die Folge: Übertriebene Härte und Repressalien gegen die Zivilbevölkerung.

Beispielsweise setzten Teile der französischen Armee im Algerien-Krieg auf nächtliche Verhaftungsaktionen, Razzien und Folter. In Vietnam scheiterten die Amerikaner mit massiver Feuerkraft, Luftüberlegenheit und ihrer „Search-an-Destroy-Stragie“. Auch das Phoenix-Programm, mit seinem gezielten Ausschalten von kommunistischen Kadern und dem Versuch, die Bevölkerung von der Guerilla zu trennen, konnte das Rückgrat des Vietcongs nicht brechen.

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Politische statt militärische Bekämpfung

Moderne Counterinsurgency-Konzepte gehen davon aus, dass Aufstände und Guerilla-Organisationen eher politisch als militärisch bekämpft werden müssen. In Kurzform bedeutet das: Erst muss die Bevölkerung mit wirtschaftlicher Unterstützung gewonnen werden und anschließend von der Guerilla-Bewegung getrennt werden. Dann besteht die Chance, dass die Aufständischen aufgeben oder militärisch besiegt werden können.

Die erfolgreiche Umsetzung dieser modernen Counterinsurgency-Strategien wird dadurch erschwert, dass viele angebliche Befreiungsbewegungen von Terroristen oder Kriminellen kaum zu unterscheiden sind. Unter dem Deckmantel sozialistischer, patriotischer oder religiöser Motiven sind viele angebliche Guerilla-Armeen entweder fanatische Splittergruppen ohne breite Basis in der Bevölkerung, internationale Terrornetzwerke oder Söldner-Truppen von lokalen Warlords, die nicht selten mit Drogenschmuggel ihr Geld verdienen.

Solche Gruppen haben und brauchen keinen Rückhalt in der Bevölkerung. Denn sie sind letztlich nicht an einer endgültigen militärischen Entscheidung interessiert. Krieg und Gewalt sind ihnen als Dauerzustand willkommen. Die klassische Guerillaarmee wird es auch in diesem Jahrhundert geben, aber Terrororganisationen, Warlords, Organisierte Kriminalität und ein modernes Söldnertum scheinen, die innerstaatlichen Konflikte zunehmend zu dominieren.

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Stand vom: 04.12.13 | Autor: Lutz Mäurer


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